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24. MAI 2018
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Heimat Bielefeld


Ein verstaubter Begriff erlebt eine Renaissance. Doch was ist Heimat – jenseits von Deutschtümelei – und was bedeutet sie Bielefeldern? Wir haben nachgefragt und erfahren: Für die einen ist es eine bestimmte Region, für die anderen sind es Gefühle und Erinnerungen und manchmal auch ganz konkrete Gegenstände.


Marc Wübbenhorst


Heimat hat viele Gesichter
„Heimat kann wachsen und manchmal muss man sie auch neu erfinden“, sagt Marc Wübbenhorst. „Immer aber ist Heimat das, was man daraus macht.“ Für den 36-Jährigen ist Heimat ein facettenreicher Begriff, den es mit Leben zu füllen gilt. „Keiner kann einem sagen, wie das geht“, sagt der Sennestädter. Er hat für sich einen Weg gefunden und setzt sich auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Thema auseinander.

Soziale und kulturelle Heimat
Beruflich befasst er sich mit Projekten der Stadtentwicklung unter dem Aspekt soziale Architektur für das Sennestädter Architekturbüro Alberts Architekten mit dem Thema. Privat engagiert er sich als Ortsheimatpfleger von Sennestadt und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Sennestadtvereins bereits seit Jahren für das kulturelle Erbe des Bielefelder Stadtteils. Ein Stadtteil, der in den 50ern als Modellstadt geplant wurde, und wo viele Zugewanderte nach dem zweiten Weltkrieg ebenso eine neue soziale und kulturelle Heimat fanden wie heute viele Migranten. Aus seiner Perspektive ist dies weder ein Manko noch ein Hindernis. „Die meisten der heute 21.000 Sennestädter sind Zugezogene“, sagt Marc Wübbenhorst, der sich für Stadtidentität, Denkmal- und Sprachpflege, das Heimatgefühl und die Sicherung der Ortsgeschichte stark macht und sein städtebauliches Know-how und sein geschichtliches Interesse – er studierte Erziehungswissenschaften und Geschichte – zum Beispiel im Rahmen von Stadtführungen in Sennestadt einsetzt.

Regional verwurzelt
Fest steht für ihn: „Heimat braucht und hat immer eine regionale Anbindung.“ Entscheidend ist es für den 36-Jährigen in diesem Kontext aber, sich freiwillig entscheiden zu können. „Sennestadt ist offen und macht es einem einfach anzukommen. Wir sind eine Migrationsgesellschaft“, so der Bielefelder. Überzeugt davon, dass man durchaus mehrere Heimaten haben kann. „Denn Heimat ist auch dort, wo man mal zuhause war“, so Marc Wübbenhorst. Diese Offenheit ist es, die einen Teil seines Heimatverständnisses prägt. Schließlich ist auch seine Familie zugewandert. „Ich bin nämlich auch Ostfriese“, so der Sennestädter, dessen Großvater damals mit einigen Mitarbeitern und Verwandten als Bauunternehmer aus Ostfriesland nach Bielefeld kam. Im Gepäck das nach Bielefeld importierte ostfriesische Plattdeutsch. Für Marc Wübbenhorst ist das Plattdeutsche seine sprachliche Heimat. „Mit meinen Eltern spreche ich noch heute Platt“, erzählt er. In seiner Funktion als Heimatpfleger gibt er VHS-Kurse auf Plattdeutsch. Für ihn eine perfekte Symbiose. „Auf der funktionalen Ebene dient Platt, wie jede andere Sprache auch, dem Informationsaustausch“, so Marc Wübbenhorst. „Aber sie transportiert eben auch Bilder, weckt Erinnerungen und Gefühle durch das, was man erlebt hat. Heimat hat eben viele Gesichter.“ Bei allem Engagement für seine Heimat Sennestadt ist ihm aber vor allem eins wichtig: Heimat steht positiv besetzt jenseits jeglicher Deutschtümelei für sich. „Wir sollten den Rechten diesen Begriff nicht überlassen!“, betont der engagierte Sennestädter.


Maria Zens


Heimat ist ein Gefühl
„Heimat ist ein Wort, das es im Spanischen so nicht gibt. ‚Patri‘ heißt so viel wie Vaterland. Aber Heimat ist mehr als der Ort, an dem man geboren wurde“, erklärt Maria Zens. Ihre frühen Wurzeln liegen in der Stadt am Teuto. Mit vier Jahren zog es ihre Eltern dann ins Kalletal. „Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen“, erzählt die heute 31-Jährige. In der elften Klasse, sie war 16 Jahre alt, zog es sie dann raus aus dem kleinen Dorf. Die Neugier auf andere Kulturen im Gepäck. Mexiko war ihr Ziel. Sie lebte ein Jahr in Gastfamilien und besuchte die dortige Schule. „Ich war begeistert von der Offenheit, der Möglichkeit schnell Freundschaften zu schließen und habe – fern von zuhause – zum ersten Mal Gewohnheiten und Werte hinterfragt.“

In zwei Ländern zuhause
Beim zweiten Mal – inzwischen 26 Jahre alt und mit dem B.A. der Internationalen Betriebswirtschaftslehre und interkulturellen Studien in der Tasche – bleibt sie zwei Jahre. „Eigentlich sollte es nur ein Urlaub werden“, erzählt sie lachend. Dass gute Job-Angebot in einem international agierenden Unternehmen erleichterte der studierten Betriebswirtin den Wechsel sowie den Start in dem südamerikanischen Land. „Ich hätte aber auch gekellnert, um bleiben zu können“, sagt die gebürtige Bielefelderin. Doch im Laufe ihres zweiten Jobs als Projektmanagerin für Bildungstechnologien bei einem örtlichen Träger wurden die Diskrepanzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit immer deutlicher. „Die Aufgabe hat mich in ihrer Sinnhaftigkeit erfüllt, nicht aber das Wie“, so Maria Zens. Nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt arbeiten zu können, waren für sie schließlich entscheidende Beweggründe nach Deutschland zurückzukehren. Im Gepäck hatte sie diesmal konkrete Ideen für einen langgehegten Traum. Einen, den sie seit drei Jahren mit ihrem Café de Maria in Bielefeld an der Ecke Sudbrack-, Ecke Meller Straße verwirklicht. Hier spiegelt sich auch der Mix aus beiden Kulturen, in denen sie Wurzeln geschlagen hat.

Erinnerungen wecken Gefühle
„Mexiko ist für mich ein Stück Heimat. Eine, die zwar in der Vergangenheit liegt, mich aber, auch wenn ich längst wieder in Bielefeld angekommen bin, begleitet“, unterstreicht Maria Zens. Der mexikanische Wandteller, den sie bereits als Schülerin mitbrachte und der jetzt im Café de Maria an der Wand hängt, ist wie das Mosaik am Tresen ein offensichtlicher Botschafter. Doch auch Erinnerungen wecken Gefühle. So wie der Geschmack des Kaffees, Gerüche wie der Smog in Mexiko City oder die Geräusche der Millionencity. Heimat ist für die 31-Jährige eher ein Gefühl als ein Ort und ganz eng verknüpft mit vielfältigen Sinneseindrücken. „Ein Gefühl von Heimat verbinde ich auch mit dem Geruch von Kornfeldern, die fester Bestandteil meiner Kindheit und Jugend im Kalletal waren“, macht die Bielefelderin deutlich, die mit sich mit ihrem Café einen ganz besonderen Kosmos geschaffen hat. Eine Welt, die ihr Bedürfnis nach kreativen Impulsen, Freiraum und Offenheit spiegelt und gleichzeitig das Gefühl von Geborgenheit und Zuhause sein transportiert. „Traditionen, Gewohnheiten, Rituale und Werte, die mich in der Kindheit geprägt haben, sind Teil meiner Sozialisation und fest mit mir verbunden.“


Dr. Gerhard Renda


Gesammelte Heimat
Wer die Dauerausstellung des Historischen Museums besucht, erlebt nur einen ausgewählten Querschnitt der hauseigenen Sammlung. Weitaus mehr Bielefelder Geschichte(n) verbergen sich im Schaumagazin des Museums sowie im Zentraldepot im Lenkwerk. Hier wird Heimat (auf)bewahrt – und das im großen Stil. Die Sammlungspalette reicht vom archäologischen Fund aus der Steinzeit bis zum Transparent der Anti-Pegida-Demo im letzten Jahr, vom Knopf bis zur 20 Tonnen schweren Portalfräsbank (nachgucken!) von Droop und Rein. „Für ein Stadtmuseum haben wir eine ungewöhnlich große Spannweite“, unterstreicht Dr. Gerhard Renda, „und die reine Anzahl der Objekte liegt deutlich im sechsstelligen Bereich.“ Da nach einem Lieblingsobjekt zu fragen, ist beinahe unfair. „Doch es gibt Sachen, die mir persönlich näher stehen als andere“, verrät der Kunsthistoriker. „Ein sehr schönes Stück ist etwa das 600 Jahre alte Bielefeld Engelchen, das bei der Welle-Grabung unversehrt zum Vorschein kam.“

Objekte der Industriegeschichte
Besonders typisch für die Stadtgeschichte sind aber die klassischen Industrieerzeugnisse, die Bielefeld bekannt gemacht haben: Nähmaschinen und Fahrräder verschiedener lokaler Hersteller, Registrierkassen von Anker sowie Leinen. „Wir haben gut 1.000 Nähmaschinen aus Bielefelder Produktion, aber zweimal in der Woche kommen Anrufe, wo uns Leute Nähmaschinen anbieten. Auch mit Buffets aus den 50ern sind wir voll bis obenhin“, so Dr. Gerhard Renda. „Wenn wir zu einer Wohnungsauflösung gerufen werden, sind oft eher die Dinge interessant, an die niemand gedacht hat, etwa ein alter Wandkalender mit Werbung eines Bielefelder Unternehmens.“ Generell nimmt das Historische Museum nur noch Objekte an, die Lücken innerhalb der Sammlung füllen. Dabei gilt einerseits die Faustregel: je älter, desto interessanter. Andererseits soll die Sammlung stärker an die Gegenwart herangeführt werden. Dafür steht der Neuzugang eines selbstgebauten Puppenhauses von 1970, in dem das typische Quietsch-Orange dieses Jahrzehnts nicht fehlen darf. „Das Verrückte daran ist, dass der Vater die Einrichtung im Kleinformat genau der eigenen Wohnungseinrichtung nachempfunden hat.“ Und wer dann das Puppenhaus aus den 1930er Jahren betrachtet, sieht auf einen Blick, wie rasant sich der Einrichtungsstil seitdem verändert hat.

Geschichte(n) erzählen Generell sind für das Historische Museum Objekte interessant, die eine bestimmte Zeit repräsentieren oder die eine Geschichte erzählen. Oft fällt beides zusammen. Auch bei so seltsamen Gegenständen wie dem Mastikator. Die Original-Gebrauchsanweisung verrät, dass er dazu diente, Speisen für Zahnlose zu zerquetschen. „Das ist historisch interessant, weil es zeigt, wie normal es früher war, im Alter seine Zähne zu verlieren“, so Dr. Gerhard Renda. „Es gibt unendlich viel Skurriles, wo man heute staunend davor steht. Zu den Nachtansichten laden wir regelmäßig zum heiteren Objekteraten.“ Vor allem aber machen die gesammelten Objekte Stadtgeschichte anschaulich. „Mit diesem Pfund können wir bei Sonderausstellungen wuchern“, freut sich der Kunsthistoriker. „Wir gucken immer erst in der eigenen Sammlung, was wir zu einem Thema im Depot haben.“





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