Achtung! Diese Seite verwendet Cookies.

Wenn Sie keine Cookies verwenden wollen, ändern Sie bitte die Einstellung in Ihrem Browser.
19. SEPTEMBER 2017
Suche
stadtleben > schwerpunkt

Was geht in 40 Jahren?

Bielefeld 2057


40 Jahre Tips Verlag. Zeit, einmal in die Zukunft zu blicken. Dabei wird selbst die kühnste Zukunftsvision manchmal von der Wirklichkeit überholt. Und überhaupt kommt immer alles anders als man denkt. Wir haben trotzdem drei Bielefelder um einen Blick in die Glaskugel gebeten. Ihre Visionen: mal humorvoll, mal persönlich, mal ernsthaft.


Ingo Börchers

Mit Zuversicht provozieren

„Obwohl ich Kabarettist bin, habe ich keine Lust zum Schwarzmalen, man kann auch mit Zuversicht provozieren“, ist Ingo Börchers überzeugt. Zwar hält der Bielefelder es für eine „kühne Vorstellung“, dass sich Dinge zum Guten wenden könnten, doch er sieht auch einige gesellschaftliche Entwicklungen mit positivem Potential für die Zukunft – vom Kleiderkreisel über Car-Sharing bis zum Crowd-Funding. Sogar darauf, dass der Jahnplatz in 40 Jahren tatsächlich autofrei ist, wagt er zu hoffen. Und auf eine geänderte Verkehrsplanung am Willy-Brandt-Platz, die endlich auch Fahranfänger verstehen. Doch das sind Peanuts im Vergleich zu einer wahrhaft verwegenen Vision: Die Stadt am Teuto könnte zur Stadt am Meer werden. Denn während der Klimawandel für Ingo Börchers eine der größten Herausforderungen der Zukunft darstellt, entdeckt er als Kabarettist darin ganz anderes Potenzial. „Ich glaube, dass der Klimawandel uns in die Hände spielen wird. Auf den steigenden Meeresspiegel sind wir jedenfalls gut vorbereitet. Es gibt ja schon den Westfalendamm, und auch andere Indizien wie das Parkhaus an der Welle und die Ankerwerke sprechen für sich. Und Windflöte klingt doch schon wie ein Strandbad.“

Kein Bingo mit Ingo
Falls diese Fantasie einigen BielefelderInnen bekannt vorkommt: Diese Ideen hat der Kabarettist für die Gala zur 800-Jahr-Feier der Stadt entwickelt. „Ich bin ja schon so alt, dass ich mich selbst zitieren kann“, lacht Ingo Börchers. Apropos: In 40 Jahren wäre er 84 und das Alter ist durchaus ein Thema, das ihn beschäftigt. „Als unsere Tochter ein Jahr alt war, haben zur gleichen Zeit meine Eltern ihre eigenen Eltern gepflegt und beide Haushalte waren von Babyphon, Schnabeltasse, abwaschbarer Tischdecke und durchwachten Nächten geprägt.“ Ganz privat wünscht sich der Vater von zwei Kindern, dass sich eine Gesellschaft, die immer älter wird, mit dem Alter versöhnt. „Persönlich finde ich es gar nicht erstrebenswert, 100 Jahre alt zu werden. Physische Einschränkungen würde ich wohl grollend hinnehmen. Aber wenn mein Hirn mich selbst entmündigt, dem blicke ich angstvoll entgegen“, sagt Ingo Börchers.
Sein Wunsch: Mit Gleichgesinnten in einer Solidargemeinschaft älter werden. „Wir brauchen andere Formen der Betreuung, müssen visionär weiterdenken.“ Und gerade als Kabarettist wünscht er sich auch im Altenheim mehr Ironie und Humor. „Es gibt eine Form der Zugewandtheit, die ich als Bevormundung empfinde. Ich will kein Bingo mit Ingo, sondern weiterhin Kultur erleben dürfen. Und Sportinteressierte sollen im Rollstuhl auf die Alm gefahren werden. Das ist vielleicht anstrengend und utopisch, aber die Alternative wären Fatalismus und Zynismus, das bewegt nichts.“
Aber vielleicht gibt es in Zukunft auch Technologien, die das Altern stoppen. Klingt ebenfalls utopisch? Mag sein. „Vor 40 Jahren konnten wir uns bestimmte Dinge auch noch nicht vorstellen. Etwa wie sehr die Digitalisierung unser Leben verändern würde“, so Ingo Börchers. „Meine Kinder werden es wahrscheinlich anachronistisch finden, dass wir mit Geräten in der Hand herumgelaufen sind, weil sie Implantate tragen.“
Aber Entwicklungen beim Blick in die Zukunft einfach hochzurechnen, funktioniert seiner Meinung nach nicht. „Es könnte auch etwas ganz anderes geschehen, was wir uns einfach noch gar nicht vorstellen können.“ Das beste Beispiel: das Weltgeschehen. Seit er Vater ist, betrachtet es der Bielefelder mit zunehmender Sorge. „Hätte sich ein Regisseur das Zusammentreffen von Donald Trump und Kim Jong Un zusammenfantasiert, hätte ich gesagt, das ist überdreht. Das finde ich so surreal, dass ich manchmal denke, als Kabarettist werde ich auch nicht mehr gebraucht, wenn mich die Wirklichkeit derart überholt.“ Sein Resümee beim Blick in die Glaskugel ist folgerichtig durchwachsen: „Ich schwanke jeden Tag aufs Neue, woran ich glauben soll: die Weisheit der vielen oder die Dummheit der meisten.“




HIER ONLINE BLÄTTERN

Werbung
Spezial
Frage des Monats
.
Gewinnspiele
Facebook
Weitere Magazine