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24. MAI 2018
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Bielefeld spinnt

Stoff-Geschichten


Vom Leineweber bis zur Raspi – in Bielefeld ist die Industriegeschichte immer noch lebendig. Kein Wunder, dass das Theater die Idee hatte, ein Rechercheprojekt zum Thema Stoff anzuschieben. Wir spinnen den Faden weiter und widmen uns Bielefelds textiler Seite.

Tobias Rausch
Stoff-Rechercheprojekt
Strukturwandel: Was auf den ersten Blick trocken klingt, hat Tobias Rausch schon immer interessiert. Verbergen sich objektive ökonomische Gesetze dahinter, ein bestimmtes Arbeitsethos oder wird er von großen Unternehmerpersönlichkeiten angetrieben? Und welchen Kräften ist der Einzelne ausgesetzt? Bielefelds Textil- und Bekleidungsindustrie ist ein Musterbeispiel für die Wucht des Wandels. Für die Kräfte des Weltmarkts, die sich schließlich in den Biografien von Fabrikdirektoren oder Näherinnen entladen „Das Thema ist hier ebenso aktuell wie historisch“, unterstreicht der Autor und Regisseur von „recherchepool“. „Es gibt Global Player wie Seidensticker, Delius und JAB Anstoetz, zugleich hat der Industriezweig die Geschichte der Stadt geprägt. Dabei ging es permanent um Veränderung: Soll man auf neue Maschinen setzen, bei Leinen bleiben oder Baumwolle einführen? Diese Dynamik ist extrem spürbar.“ Und mit Zeugen der Industriekultur wie der Ravensberger Spinnerei immer noch sichtbar. Damit ist die Stadt der perfekte Ort für das gemeinsame „Stoff“-Projekt von Theater Bielefeld und „recherchepool“. Im Mai gipfelt es gleich in zwei Uraufführungen: „Hecheln. Ein Trip ins Textile“, geschrieben und inszeniert von Tobias Rausch, mit Musik von Marc Sinan. Außerdem „Weißes Gold“ von Anne Jelena Schulte, das sich mit dem Baumwollanbau in Argentinien beschäftigt.

Von der Wäschefabrik bis nach Vietnam
Beide Theaterstücke sind Ergebnisse einer intensiven Auseinandersetzung. Seit der Spielzeit 2016/17 haben Tobias Rausch und sein Rechercheteam rund um das Thema Stoff, Textilproduktion, Mode geforscht. Interdisziplinär und international, in Bielefeld und weltweit. „Delius hat uns das Firmenarchiv geöffnet, über das Museum Wäschefabrik haben wir viel historisch recherchiert, wir haben mit Näherinnen gesprochen und mit Ingenieuren, die technische Textilien erfinden“, so Tobias Rausch. Besonders fasziniert haben ihn die Reisen zu Produktionsstätten in Vietnam. „Dort steht auch gerade ein Strukturwandel an, weil Vietnam nicht mehr billig genug produziert.“ Doch nicht nur sein Blick auf die komplexen Produktionsbedingungen hat sich geschärft. „Seit den Interviews mit Webern, die uns erklärt haben, was gute und schlechte Stoffe ausmacht, gehe ich anders durch die Welt“, lacht der Autor. „Bislang habe ich einfach Kleidung gekauft, von der ich dachte, dass sie gut aussieht. Jetzt fange ich an, Stoffe anzufassen und zu spüren, wie sie gewebt sind.“ Auch Aspekte wie Nachhaltigkeit und Fairness sind ihm wichtiger geworden.

Geschichten verweben
Doch wie wird aus so viel Material Stoff fürs Theater? „Wir wollen versuchen, die unterschiedlichen, sich kreuzenden Fäden des Strukturwandels zu erzählen und wie alles zusammenhängt“, erklärt Tobias Rausch. Viele große Tragödien und kleine Dramen sollen sich zu einer Geschichte verweben. Dabei ist er zwar letztlich der Autor, aber wichtig ist ihm auch, „dass ganz viele Stimmen mitsprechen“ – von den InterviewerInnen und ihren GesprächspartnerInnen bis zu den SchauspielernInnen der spartenübergreifenden Produktion. „Es ist auch der Opernchor dabei und SolistInnen, die als Schicksalsgöttinnen den Schicksalsfaden spinnen“, verrät der Regisseur. „Sie reflektieren darüber, wie das richtige Webmuster für unser Leben aussieht: Ist es purer Zufall – und wir können kreativ damit herumspielen – oder ein vorgegebenes Muster, das wir erfüllen müssen? Diese musikalische Schicht hebt das Stück philosophisch auf ein anderes Level.“

www.stoff-magazin.com
„Hecheln“: Premiere am 18.5., 20 Uhr, Theater am Alten Markt
„Weißes Gold“: Premiere am 25.5., 20:00 Uhr, TAMDREI


Helga Kramm & Christel Heidemann
Die tapferen Näherinnen

Es war laut, der Arbeitstag lang, Überstunden eine Selbstverständlichkeit und geplaudert werden, durfte im großen Nähsaal der Wäschefabrik der Gebrüder Winkel auch nicht. „Aber wir haben oft eine Möglichkeit gefunden, uns zu unterhalten, wir durften uns nur nicht erwischen lassen“, schmunzelt Christel Heidemann, die 1955 ihre Lehre begann. „Ich wollte immer Näherin werden. Meine Mutter hatte eine Schneiderin, die regelmäßig zu uns kam, und da habe ich mich als Kind schon immer an die Maschine gesetzt.“ Helga Kramm hätte lieber eine weiterführende Schule besucht, aber ihre Mutter – der Vater war im Krieg gestorben – konnte das Schulgeld nicht aufbringen. „Meine Mutter hat uns durch das Nähen über Wasser gehalten.“ Und da lag es nahe, dass die 14-jährige Tochter Helga in ihre Fußstapfen trat und 1954 eine Lehre bei den Winkels begann. Der Arbeitstag begann um 7:30 und endete um 17 Uhr. „Wir Lehrlinge mussten auch samstags ran, den Nähsaal fegen, die Holzläden reinigen und die Lumpen sortieren. Es wurde ja nichts weggeworfen oder verschenkt“, erinnert sich Helga Kramm an die dreijährige Lehrzeit.

Gut gelernt
Die Arbeit war hart und das Regiment sehr streng. „Im Winter war es montags immer besonders kalt“, erinnert sich Christel Heidemann, denn die Heizung wurde übers Wochenende abgestellt und erst kurz vor Arbeitsbeginn wieder eingeschaltet. Besonders die Stickerinnen, die in den letzten beiden Reihen vor den einfach verglasten Fenstern saßen, haben erbärmlich gefroren.“ Wer einen neuen Bleistift wollte, musste den alten Stummel vorzeigen. Nicht selten flossen Tränen. „Aber wir haben gut gelernt“, sind sich die beiden 78-jährigen Frauen einig. Christel Heidemann arbeitete nach der Lehre als Zuschneiderin und blieb bis zur Geburt ihrer Kinder in den 1960ern in der Wäschefabrik, Helga Kramm bildete zehn Jahre lang Lehrlinge aus. „Das war eine schöne Zeit“, resümiert sie heute. Insgesamt 28 Jahre arbeitete sie in der Wäschefabrik, die 1980 ihre Pforten schloss. Manchmal nahm ihr ehemaliger Chef noch Aufträge an, die sie nachmittags erledigte. Die Maße waren noch immer fein säuberlich in den Karteikästen archiviert.

Typischer Frauenarbeitsplatz
Näherin war seinerzeit einer der klassische Berufe für Frauen. Die Belegschaft – Chefs und Vertreter ausgenommen – war weiblich. Zu den Kunden gehörten die großen Bauernhöfe. Die Landwirte bestellten Hemden, Bettwäsche und natürlich die Aussteuer für ihre Töchter. Heute steht im Museum Wäschefabrik an der Viktoriastraße dank des engagierten Fördervereins noch alles so, wie die vier letzten verbliebenen Näherinnen es hinterlassen haben. Als die Auftragslage noch gut war, saßen über 50 Nährinnen an ihren Maschinen der Fabrikate Dürkopp, Adler und Phoenix. Christel Heidemann und Helga Kramm freuen sich darüber, dass es das Museum gibt. „Es ist toll, dass die jungen Leute sehen können, wie damals gearbeitet wurde.“ Ein bisschen Wehmut überkommt die beiden Näherinnen schon bei dem Gedanken, dass ihr Beruf in Deutschland so gut wie ausgestorben ist. „Heute kostet ein T-Shirt 2 bis 3 Euro, das geht doch eigentlich nicht.“

www.museum-waeschefabrik.de


Nico Kemmler

Seidensticker Group

Die Seidensticker Group sorgt dafür, dass ihr der Stoff nicht ausgeht. Und das seit fast einem Jahrhundert. 2019 feiert das Bielefelder Familienunternehmen sein 100-jähriges Jubiläum, steht für die textile Tradition der Leineweberstadt und stellt sich den Herausforderungen einer globalisierten Textilindustrie. 2.000 Näherinnen beschäftigte das Unternehmen zu Spitzenzeiten am Stammsitz, weitere 2.000 nähten in der Region Hemden für die von Walter Seidensticker 1919 gegründete Firma. „Er hat die ersten Hemden im Wohnzimmer und mit einem geliehen Startkapital von 5.000 Goldmark produziert“, erzählt Nico Kemmler, Head of Corporate Responsibility des Bielefelder Traditionsunternehmen, das längst in dritter Generation von Gerd Oliver und Frank Seidensticker geleitet wird. Die Hemden ihres Opas verkaufen sich schon im ersten Geschäftsjahr äußerst erfolgreich. Bis in die 1960er Jahre hält das Wachstum an. Die Entscheidung, arbeitsintensive Tätigkeiten ins Ausland zu verlagern, wurzelt in dieser Zeit. Als eines der ersten deutschen Unternehmen verlagert das Textilkontor Walter Seidensticker 1965 die Produktion nach Spanien. Zehn Jahre später eröffnen die Bielefelder in Hongkong ein Büro. „Es ist noch heute unser wichtigster Auslandsstandort, um die Fertigungsnetzwerke in Asien zu steuern“, sagt Nico Kemmler, der dort drei Jahre als Sales Manager arbeitete. „Die Entscheidung dorthin zu gehen, ist ausschlaggebend dafür, dass es uns heute als Produktspezialist noch gibt. Von hier aus haben wir uns den Zugang zu den wichtigsten Beschaffungsmärkten aufgebaut.“

Ein Hemd – viele Hände
1992 schließt Seidensticker die letzte Fertigungsstätte in Europa, verschifft die Maschinen nach Vietnam und produziert dort noch heute. „Hier schlägt unsere Lebensader“, so Nico Kemmler. Von den jährlich 12 Mio. Teilen werden allein 4 Mio. im eigenen Werk in Vietnam gefertigt. Ein weiteres Werk befindet sich in Indonesien. „Vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel alle Schritte fair und ökologisch gestalten“, so formuliert Nico Kemmler, eine echte Seidensticker-Pflanze, die komplexe Aufgabe der Zukunft. Allein an der Produktion eines Hemdes sind 140 Unternehmen beteiligt. Dabei sind die Umwelt- und Sozialbedingungen in der Textilindustrie in vielen Fällen nicht gerade vorbildlich. Seidensticker sieht sich nicht erst seit dem verheerenden Unglück mit mehr als 1.100 Toten und über 2.000 Schwerverletzten in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch vor fünf Jahren in der Verantwortung. Die Einhaltung hoher Sicherheits- und Sozialstandards, sowohl für eigene als auch Partnerbetriebe, prägt das Unternehmen seit mehreren Generationen. Es engagiert sich auf unterschiedlichen Ebenen. Seit 2015 im Bündnis für nachhaltige Textilien. Neben Gewerkschaften sind 25 Nichtregierungsorganisationen, GOTS und Ökotex, die Bundesregierung und mit derzeit 100 Unternehmen auch die Hälfte des Textilmarktes Mitglied des Textilbündnisses. Es will den Anteil nachhaltiger Baumwolle bis 2025 erhöhen, die Arbeitsbedingungen in den Fertigungsländern verbessern und macht sich für existenzsichernde Löhne stark. Beteiligte Modeunternehmen aus der Region sind u.a. Gerry Weber und Bugatti.

Ziellinie Zukunft
„Wir haben uns anspruchsvolle Ziele gesetzt“, betont Nico Kemmler, der im Vorstand des Textilbündnisses mitwirkt. Es weiß, es ist noch Luft nach oben. „Wenn wir den Menschen in ihren Heimatländern Perspektiven eröffnen wollen, müssen wir die Bedingungen – auch in der Textilindustrie – verändern. Ich glaube, dass wir in fünf Jahren über gesetzliche Mindeststandards in der Textilproduktion sprechen werden.“ Nachholbedarf sieht der Prokurist in punkto Ökologie. Ein Grund, warum sich Seidensticker künftig an der Forschung und Weiterentwicklung von Rohstoffen wie Bio-Baumwolle beteiligt. Ein weiterer Schritt, um die Geschichte des Unternehmens in der Leineweberstadt weiter zu spinnen.





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