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27. APRIL 2017
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Bielefelder Europäer

Vielfalt leben


Brexit, Krise, Europamüdigkeit. Aber auch eine Bewegung wie Pulse of Europe, die den europäischen Pulsschlag wieder spürbar machen will. Doch was verbindet Bielefelder mit Europa? Wir stellen Menschen vor, für die Europa ein Thema ist. Mit ihnen schlägt der Puls Europas auch in Bielefeld.

Eleni Andrianopulu
Europa weltoffen erleben

Ihr Pass weist sie als Griechin aus. Im Herzen ist sie weltoffen. Ob Berlin, Leipzig, Regensburg, Malaga oder Bielefeld. Immer war und ist das „Was“, nicht das „Wo“ für Eleni Andrianopulu entscheidend, wenn es um ihren Lebensmittelpunkt und ihre Verortung geht. Die Frage, ob sie sich griechisch fühle, ist dagegen eine aus ihrer Sicht typisch deutsche. „In Griechenland ist man, was man ist. Punktum. Grieche oder Griechin zu sein, wird nicht hinterfragt. Das finde ich sehr praktisch“, stellt die 40-Jährige fest, die das Welcome Centre der Uni Bielefeld leitet und als Referentin der Prorektorin für Internationales und Diversität arbeitet.

Von Naxos in die Welt
Sie war 19 Jahre alt als sie Naxos verließ und im Oktober 1995 in Berlin Tegel landete. Im Gepäck einen Stadtplan von Berlin, den ihre Eltern ihr mitgegeben hatten. „Er datierte noch aus der Zeit vor der Wiedervereinigung, Berlin in Ost und West geteilt“, erinnert sich Eleni Andrianopulu. Sie hat die Transformation der Stadt miterlebt. „Auch Europa hat in den letzten Jahrzehnten viele Veränderungen durchlebt und steckt aktuell mitten drin.“ Aus ihrer Sicht haben sich vor allem die Menschen einander angenähert. „Es ist viel gewachsen. Heute treffen viel mehr Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen aufeinander. Durch diese größere Internationalisierung ergibt sich auch eine stärkere äußere Homogenisierung“, macht die Leiterin des Welcome Centre deutlich.



Experiment Europa
Europa ist für Eleni Andrianopulu dabei vor allem ein ganz großes Experiment zur Vielfalt. Ein Langzeitprojekt, das die Annäherung der Menschen im Blick hat. „Je mehr man zusammenrückt, desto stärker bemerkt man aber auch die Unterschiede“, erklärt sie. Diese Unterschiede nicht als etwas Trennendes auszumachen, sondern als Chance für Vielfalt zu erkennen, auch das macht für die Griechin Annäherung aus. „Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es die Menschen bewegt. Auf der menschlichen Ebene werden Beziehungen in Europa gelebt“, betont sie. Dem gegenwärtigen Populismus, der von der grundlegenden Idee abzulenken versucht, gilt es zu trotzen. „Denn das Prinzip stimmt. Es macht das Leben besser und freier. Heute sind viel mehr junge Menschen europaweit unterwegs, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Ich möchte es nicht tauschen wollen, nur um wirtschaftliche Probleme zu lösen“, stellt sie auch mit Blick auf die Finanzkrise in Griechenland fest. Das Referendum der Briten war für sie jedoch ein Schock. „Der Brexit macht deutlich, dass man auch aussteigen kann!“, so Eleni Adrianopulu. Ein Ausstieg Griechenlands aus der EU ist für sie – trotz entstandener Risse – allerdings nicht denkbar. Aber Fakt ist für sie auch, dass die Wahrnehmung und Resonanz anders ist als vor der Krise. „Das betrifft durchaus auch den einzelnen Menschen“, so die 40-Jährige.

Ihr Blick auf Europa ist geprägt durch ihr Leben in Deutschland. „Es gab bisher drei Momente in meinem Leben, wo ich mich – aus unterschiedlichen Gründen – bewusst für ein Leben in Deutschland entschieden habe“, sagt sie. Und natürlich sind mittlerweile auch die Zeiten vorbei, wo sie auf Flughäfen an der Grenzkontrolle noch streiten musste, weil ihr Personalausweis in griechischer Schrift Schwierigkeiten mit sich brachte.

Prof. Dr. Werner Abelshauser
Europas Wirtschaft erforschen
Die Idee hat ihn überzeugt. „Schon als Gymnasiast war ich ein begeisterter Europäer und fühlte mich in Paris wohler als zu Hause“, erinnert sich Prof. Dr. Werner Abelshauser. Doch spätestens als er 1966 in Mannheim sein Studium der Wirtschaftswissenschaften begann, war klar: Fließend Französisch zu sprechen, war hier nicht wirklich gefragt. „Ich musste feststellen, dass England, das damals noch gar nicht der Wirtschaftsgemeinschaft angehörte, und die USA für die wissenschaftliche Kommunikation viel wichtiger sind“, so der Wirtschaftsforscher. In den 80er Jahren führten ihn Gastprofessuren unter anderem an die Universität Oxford und die Universität von Missouri. Dazu gesellte sich die zunehmend kritische Sicht eines Wissenschaftlers, der hinter die Fassade blickt. „Nach außen wird immer die Erzählung eines geeinten Europas plakatiert, das Friede, Freude und Wohlstand für alle bedeutet. Doch das spielt in den praktischen Debatten gar keine Rolle. Als Exportweltmeister brauchte etwa Deutschland die EU, weil nur die stark genug war, um die Regeln auf dem Weltmarkt zu bestimmen.“

In Vielfalt vereint
Die Entwicklung der Europäischen Union hat Prof. Dr. Werner Abelshauser als Wirtschaftshistoriker über Jahrzehnte genau beobachtet. Vor seiner Bielefelder Professur hatte er den Lehrstuhl für Europäische Geschichte am Europäischen Hochschulinstitut Florenz inne. Am 24.4. eröffnet er das Forum Offene Wissenschaft in der Uni, das in diesem Jahr unter dem Motto „Europa im Umbruch“ steht. Außerdem hat der 72-Jährige gerade die Denkschrift „Europa in Vielfalt vereinigen“ zur Diskussion gestellt. „Die Vorstellung eines einheitlichen europäischen Kommunikationsraumes trifft nicht zu“, unterstreicht Prof. Dr. Werner Abelshauser. „Europa hat immer von seiner kulturellen Vielfalt profitiert. Anders als die USA hat es über Hunderte von Jahren zudem unterschiedliche Wirtschaftskulturen entwickelt und war damit erfolgreich. Da ist es nicht sinnvoll, wenn die EU alle in dieselbe Spur zwingen will. Während England seine Vorteile etwa fast ausschließlich auf den Finanzmärkten hat, ist Deutschland in Bereichen wie dem Maschinenbau und als ‚Ausstatter‘ der Schwellenländer erfolgreich. Beides ruht auf sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.“



Gemeinsam verschiedene Wege gehen
„Für Politiker ist es unheimlich schwer einzugestehen, dass sie auf dem Holzweg sind“, lacht der Wirtschaftsforscher. „Deshalb bin ich sehr froh, dass die Diskussion über Europa gerade wieder geöffnet wird und Fragen zulässt, ob alle den gleichen Weg gehen müssen. Unterschiedliche Wirtschaftskulturen haben vielfältige Ziele und können sich trotzdem vernetzen, um etwa durch eine Zollunion oder einen gemeinsamen Binnenmarkt noch stärker zu werden. Was die EU braucht sind Regeln und Strategien, die es den Mitgliedsländern ermöglichen, ihre jeweiligen Vorteile besser zu nutzen. Statt die Nationalstaaten abzuschaffen, sollten wir ihre Kraft soweit bündeln, wie es im Interesse aller ist. Doch dafür müsste Brüssel seine Rolle neu definieren.“
www.uni-bielefeld.de/forum

Ann Weers-Lacey
Europa durch Familie leben
Ein „first cup of tea“ ist für Ann Weers-Lacey ein morgendliches Ritual. Inklusive der obligatorischen Teehaube unter der sie die porzellanene Teekanne verschwinden lässt. Ein Bekenntnis zu ihren Wurzeln sind aber nicht nur der Tee, die Scones und die Crumpets aus ihrer Heimat. Auch nach mehr als 50 Jahren in Deutschland hört die Bildhauerin und Malerin englische Nachrichten und liest englische Zeitungen. Und immer wieder purzeln zwischen den deutschen Sätzen englische dazwischen. „In erster Linie bin ich Engländerin, dann Europäerin. Aber Europa ist ein Juwel, ein großer Schatz. Die vielen Länder mit ihren unterschiedlichen Eigenarten machen Europa aus“, betont die heute 74-Jährige, die ihre mit einem Augenzwinkern pflegt.



Familienbande

Als 20-Jährige verliebte sie sich in London in einen Deutschen. „Das war für meinen Vater zunächst ein Schock“, erzählt die freischaffende Künstlerin, die von ihrem Vater – dem englischen Porträtisten Edward Lacey – künstlerisch geprägt und im väterlichen Atelier ausgebildet später an der Hastings School of Arts studierte. „Ich hatte von Deutschland damals keine Vorstellung. Mein Vater hat, geformt vom ersten Weltkrieg, nie von Deutschland gesprochen.“

Ann Weers-Lacey trotzte den familiären Widerständen. „Mein Vater kam sogar zu unserer Hochzeit“, sagt sie. Ein offenes Zeichen der Versöhnung. Heute ist ihre Familie – über mehrere Generationen hinweg – längst ein Bespiel für gelebte europäische Verbindungen. „Mein Sohn ist mit einer Norwegerin verheiratet und lebt mit der Familie in Dänemark, zwei meiner Töchter wohnen in Spanien und mein anderer Sohn ist tatsächlich in der Region geblieben“, so die Bielefelder Künstlerin, die damals ihr erstes Bielefelder Atelier in der Stapenhorststraße eröffnete und sich mit ihren Porträts ebenso einen Namen machte wie mit ihren Plastiken. „Am liebsten arbeite ich mit Ton“, so die Künstlerin, die auch die Bronzeskulptur des ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau schuf.

Reisen fördert das Begreifen
Das Reisen, vor allem nach England, ist für Ann Weers-Lacey fester Bestandteil ihres Lebens. Vier Grenzen, vier Grenzkontrollen – eine Erfahrung, die der Britin in Bielefeld noch heute lebhaft in Erinnerung ist. „Heute ist das Reisen deutlich einfacher, man kann einfach durchfahren.“ Doch das größte Geschenk ist für sie, dass sich Europa durch das Bereisen begreifen lässt. „Jedes Land hat seine eigene Identität, seine Sprache und Kultur“, betont sie mit Blick auf die Unterschiede. Doch obwohl die einzelnen Länder sehr unterschiedlich sind, zeichnen sie sich aus ihrer Sicht durch ihre vielfältigen Verbindungen aus. „Vor allem der Respekt untereinander verbindet Europa“, unterstreicht Ann Weers-Lacey. Den Brexit betrachtet sie mit dem den Briten nachgesagtem Humor. „Es ist typisch für Großbritannien einfach dagegen zu sein“, sagt sie. „Briten sind sehr individuell, wollen sich Brüssel nicht unterordnen und von dort aus regiert werden.“ Allein, dass die Briten das Pfund nie aus der Hand gegeben haben, spricht für Ann Weers-Lacey eine deutliche Sprache. „Das ist bestimmt nicht praktisch, sondern vielmehr eine romantische Idee.“


Fragen an Elmar Brok
Europaabgeordneter der CDU für die Region Ostwestfalen-Lippe



Was verbindet uns als Europäer?

Brok: Uns Europäer verbindet die gemeinsame, zum Teil dramatisch blutige Geschichte und gleichzeitig die Tatsache, dass wir die Abscheulichkeiten und Widrigkeiten der Vergangenheit überwunden haben. So sind aus ehemaligen Feinden Freunde geworden, die mit großer Mehrheit die Werte einer weltoffenen liberalen Gesellschaft teilen. Das ist das Band, das uns hält und auch künftig halten wird.
Die damit verbundenen Werte und die Gemeinsamkeiten in unserer Kultur wie Freiheit und Frieden anstatt von Diktatur und Krieg gilt es zu vertreten und zu verteidigen.

Ist die Situation in der EU dramatisch?

Brok: Die EU ist dann gefährdet, wenn die Bürger vergessen, dass sie seit 70 Jahren einen entscheidenden Anteil an Frieden, Freiheit, Wohlfahrt und auch an der Deutschen Einheit hat. Fehler werden auch in Brüssel gemacht. Aber das darf uns nicht den Blick für den Nutzen der EU verstellen.

Ihre drei Argumente um Brexit-Nachahmer zum Verbleib in der EU zu überzeugen?

Brok: Die Herausforderungen unserer heutigen Zeit, wie Konsequenzen der Globalisierung, innere und äußere Sicherheit, Terror, Klimawandel und Migration lassen sich nicht von Nationalstaaten allein lösen. Globale Bedeutung hat die EU nur als Gemeinschaft, die zusammensteht. Die EU steht für Sicherheit, einen funktionierenden Binnenmarkt, der für wirtschaftlichen Wohlstand seiner Bürger unerlässlich ist, sowie Einfluss in einer globalisierten Welt. Das sollten sich all jene, die beharrlich einem Exit das Wort reden, stets vor Augen halten. Nationalismus und Abschottung haben noch nie zu etwas Gutem geführt, das wissen wir aus der Geschichte. Wir wollen die Nation als Träger von Identität und Kultur, aber auch Europa. OWL, Deutschland und Europa bedingen einander und stehen nicht im Widerspruch.

Wann und warum haben Sie sich zuletzt europäisch gefühlt?

Brok: Ich fühle mich täglich europäisch. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten haben wir eine gemeinsame Kultur, die auf dem christlichen, griechischen und römischen Erbe und auf der Aufklärung beruht. Am Abend der niederländischen Wahlen habe ich mich europäisch gefühlt; mit einer großen Beteiligung haben die Niederländer für Demokratie und Europa und damit gegen populistischen Nationalismus, Fremdenhass und eine Rückkehr in die 1930er Jahre gestimmt. Gern erinnere ich auch den Besuch in einer Bielefelder Schule: Da sitzen Jugendliche vor mir, für die sind Reisefreiheit, gemeinsame Währung, Schüleraustausch, Erasmus-Stipendien und Ähnliches eine Selbstverständlichkeit.
Ihre Vorfahren haben im Namen von Nationalismus noch Blut vergossen. Doch das gehört längst und glücklicherweise der Vergangenheit an. Im Gespräch mit den Jugendlichen spüre ich, wie froh diese jungen Menschen sind, in Freiheit und Sicherheit leben zu können. Ich merke unmittelbar im Wahlkreis, dass die politische Arbeit vergangener Jahrzehnte Früchte trägt. Da fühle ich mich durch und durch europäisch und als glühender Europäer bestätigt.




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