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21. NOVEMBER 2018
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Bielefelder nehmen Abschied

Mitten im Leben


Es ist Herbst. Die Blätter fallen. Zeit, um auch über Trauer, Tod und Abschied nachzudenken. Wir stellen drei BielefelderInnen vor, die sich damit auf ihre ganz eigene Art auseinandersetzen. Engagiert, mit tierischer Unterstützung, mit Humor.



Matthias Blomeier

Den Tod ins Leben holen

„Die Würde des Einzelnen ist mir ganz wichtig. Eine Beerdigung ohne Trauerfeier, bei der der Name des Verstorbenen noch einmal verlesen wird und ohne dass sich Menschen von dem Verstorbenen verabschieden können, das ist mir zu wenig“, betont Sozialpfarrer Matthias Blomeier. 2013 hat er gemeinsam mit Beate Dirkschnieder, Sozialarbeiterin im Hospiz Haus Zuversicht, die Initiative „Unbedacht verstorben – jeder Mensch hinterlässt eine Spur“ gegründet. Unabhängig voneinander hatten sie ein Jahr zuvor in der Tagespresse einen Artikel über das Sterben ohne Angehörige gelesen. Findet sich kein bestattungspflichtiger Angehöriger, dann übernimmt die Stadt die ordnungsbehördliche Bestattung. Das muss möglichst kostengünstig sein und bedeutet Einäscherung und anonyme Beisetzung ohne Trauerfeier oder Blumenschmuck. Das wollten Matthias Blomeier und Beate Dirkschnieder ändern. Zusammen mit dem Ev. Sozialpfarramt, den Bielefelder Hospizinitiativen, Bethel regional, dem Bestatterverband Bielefeld und dem Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld kümmern sie sich um einen würdevollen Abschied.

Ehrenamtliches Engagement
Etwa 110 Menschen im Jahr versterben in Bielefeld ohne Angehörige. Vom Umweltbetrieb bekommt die Initiative eine Liste der Namen. Die Jüngsten sind 30, die Ältesten über 100 Jahre alt. „Die Älteren versterben meist im Pflegeheim, bei den Jüngeren liegt manchmal eine Suchterkrankung oder Suizid vor“, so Matthias Blomeier. Für die Verstorbenen wird eine Trauerfeier mit musikalischer Begleitung durch Stadtkantorin Ruth Seiler mit anschließendem Kaffeetrinken organisiert. Außerdem wird eine Anzeige für die Zeitung aufgesetzt. „Ein Kreis von etwa 20 Ehrenamtlichen geht vorher zu der letzten bekannten Adresse und lädt die Nachbarn zu der Erinnerungsfeier ein. Manchmal wissen die gar nicht, dass derjenige gestorben ist. Wenn es sich um Suizid handelt, fahre ich selbst dorthin“, erzählt der engagierte Sozialpfarrer. „Zuweilen wissen wir Näheres über die Todesumstände, oft aber auch nicht.“

Berührend
Über den Text für die Trauerfeier macht er sich immer viele Gedanken. „Ich möchte niemandem ein schlechtes Gewissen machen und deshalb spreche ich auch bewusst nicht vom Jüngsten Gericht. Manchmal liest auch jemand spontan etwas vor.“ Auf dem Sennefriedhof ist ein eigenes Bestattungsfeld, Feld 99, Abteilung T, für die Initiative reserviert. Ein Gedenkstein erinnert an die Verstorbenen. Hier können Kerzen angezündet und Blumen hingelegt werden. Zur Trauerfeier kommen Nachbarn, ehemalige Arbeitskollegen und Freunde. Auch Familienangehörige, die sich zu Lebzeiten zerstritten haben, nehmen zuweilen Abschied. „Insgesamt ist die Resonanz sehr positiv. Der Text, die Musik, dass der Name verlesen wird – all diese symbolischen Handlungen berühren viele. Der Tod ist noch immer ein Tabu-Thema. Wir holen den Tod zurück ins Leben.“ Jedes Jahr werden vier Erinnerungsfeiern organisiert. Am 12.10. fand bereits die 20. Gedenkfeier der Initiative statt, die sich ausschließlich über Spenden finanziert.




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