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28. MÄRZ 2017
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Töchter und Väter

Bielefelder Familienbande


Eine ganz besondere Beziehung. Und eine, die im Wandel ist. Denn Vatersein heute sieht anders aus als noch vor 50 Jahren. Junge Väter wollen nicht mehr nur Versorger sein, sondern übernehmen aktiv ihre Vaterrolle. Welchen Einfluss Väter auf ihre Töchter haben, erzählen uns drei Generationen von Bielefelderinnen.

Christina Kampmann
Geteilte Zeit An den Spruch, den ihr Vater ihr ins Poesie-Album geschrieben hat, erinnert sich Christina Kampmann gut. „Liebe die Menschen in ihrer Art, habe Güte im Herzen, im Wollen sei hart.“ Die 36-Jährige, seit anderthalb Jahren Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, zitiert ihn aus dem Stehgreif. „Ich bin damit immer gut durchs Leben gekommen. Er passt auch auf die Politik. Wenn man Politik macht, muss man Menschen lieben, sich aber auch durchsetzen.“ Einer, der Christina Kampmann immer seine Meinung sagt, ist ihr Vater. „Umgekehrt halte ich es ebenso“, erzählt sie. „Das Schöne: Auch, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wirkt sich dies nicht negativ auf unser Verhältnis aus.“ Ihr ist der Austausch mit ihm, aber auch mit anderen Menschen, denen sie sich verbunden fühlt und die nicht ins System eingebunden sind, wichtig. „Ich profitiere, weil ich mir dadurch meine Kritikfähigkeit erhalte und nicht in einer Blase lebe.“

Werte vermitteln
Statt wie ursprünglich geplant Pferdewirtin zu werden studierte sie nach dem Abi Verwaltungslehre, Politikwissenschaften und European Studies in Bielefeld, Hagen und Wien. „Meine Eltern hatten überhaupt keine Erwartungshaltung“, so Christina Kampmann. Ihr Vater unterstützte sie in allem. „Dadurch konnte ich mich frei entfalten. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Heute nimmt er regen Anteil an ihrer Arbeit, spricht mit seiner Tochter über die vielfältigsten Themen. „Als Kind und Jugendliche hat er mir vieles erklärt“, erzählt Christina Kampmann. „Auch, wenn er beruflich immer stark eingespannt war und wenig Zeit hatte.“ Ihre Eltern führten einen Hof im Nebenerwerb, den sie in den 1990ern zum Bio-Hof umstrukturierten und der inzwischen von ihrer Schwester geleitet wird. Hauptberuflich arbeitete ihr Vater als KFZ-Mechaniker. „Vor 21 Uhr war er selten fertig. Wir aber waren viel draußen, sind Trecker gefahren oder haben geholfen, den Stall auszumisten.“ Geteilte gemeinsame Zeit, die er auch dafür nutzte, seinen Töchtern Verständnis für die Natur und den vorsichtige Umgang damit zu vermitteln.

Väterbild im Wandel
Heute setzt sich Christina Kampmann mit der Väterkampagne „Vater ist, was du draus machst“ dafür ein, das Väter nicht nur Zaungäste bei der Familienarbeit sind. „Wir wollen Vätern Mut auf Elternzeit machen“, betont sie. Mit dem Wissen, dass sich das Vaterbild selbst und in der Gesellschaft wandelt. „Vater zu sein bedeutet mehr als einen Ort zu haben, wo man seine Hemden wechselt.“ Dieses Statement auf einem Väterkongress hat sie beeindruckt. „Das Thema bewegt, das zeigen die Reaktionen auf die Kampagne.“ So wünschen sich laut Familienbericht des Ministeriums 50 Prozent eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit. Allerdings geht nur ein Viertel der Väter in Elternzeit. 75 Prozent der Väter nehmen nur zwei Monate, weil sie berufliche Nachteile fürchten. Und nur ein Drittel der Unternehmen unterstützt Väter dabei in Elternzeit zu gehen. „Wenn Väter mehr Zeit für Familie haben, dann haben Mütter auch mehr Freiraum arbeiten zu gehen. Es ist ein wichtiger Schritt zu mehr Gleichberechtigung“, ist die Bielefelderin überzeugt, die väterfreundliche Personalangebote ebenso einfordert wie die Aufhebung des Genderpaygaps von 21 Prozent. „Ich habe zum Glück den Optimismus meines Vaters geerbt“, sagt die 36-Jährige, die zwei bis dreimal im Monat bei ihren Eltern vorbei schaut.




Hiltrud Böcker-Lönnendonker
Abi ist nichts für Mädchen
„Mädchen müssen kein Abitur machen. Das ist Zeit- und Geldverschwendung, denn die heiraten ohnehin. Das war damals die vorherrschende Meinung“, berichtet Hiltrud Böcker-Lönnendonker, wie Bildung für Frauen Mitte der 1950er Jahre betrachtet wurde. Die ehemalige Schulleiterin kam 1941 nach Bielefeld. Geboren wurde sie sechs Jahre zuvor am Niederrhein. Eine katholische Gegend, die ihre Familie und auch ihren Vater stark prägte. Für Mädchen ihres Jahrgangs war es keine Selbstverständlichkeit, das Gymnasium zu besuchen. Aus der Volksschulklasse, die zwischen 40 und 50 Kinder umfasste, gingen schließlich nur zwei Mädchen auf das Cecilien-Gymnasium, das sich damals noch an der heutigen Mercatorstraße befand. „Meine Mutter und ich hatten zufällig meine Volksschullehrerin auf der Straße getroffen, die ihr sagte, dass ich unbedingt aufs Gymnasium gehen sollte.“ Ein glücklicher Zufall, denn damals war es nicht üblich, dass die Lehrer oder in diesem Fall die „Fräuleins“ zu den Eltern nach Hause kamen.

Aus nach der Mittleren Reife
Auf dem Ceci fühlte sie sich gut aufgehoben. 1946 eröffneten dann die Ursulinen die Marienschule am Klosterplatz. „Als ich eines Tages nach Hause kam, saß der Vikar bei uns im Wohnzimmer und mein Vater eröffnete mir, dass ich nun auf die Marienschule gehen sollte. Da hat alles Heulen nichts genützt, der Schulwechsel war beschlossene Sache.“ Aber auch auf dem katholischen Gymnasium war für Hiltrud Böcker-Lönnendonker nach der 10. Klasse die Schulkarriere beendet. „Ich weiß nicht, wer von meinen Eltern das entschieden hat, aber ich habe es immer meiner Mutter angekreidet. Allerdings gingen die meisten jungen Frauen nach der mittleren Reife ab. Ich war also kein Einzelschicksal. Mein Vater hatte zehn Geschwister und keine meiner Kusinen durfte Abitur machen.“ Es war der Vater, der 1952 mit der 16-Jährigen durch Bielefeld zog, um eine Lehrstelle zu suchen.

Endlich Hochschule
Schließlich kam sie als technische Zeichnerin unter. In der Berufsschule war sie das einzige Mädchen. „Ich kann nicht sagen, dass das schwierig war. Auch im Betrieb haben sich die Männer immer freundlich und respektvoll verhalten.“ Nach zehn Jahren in verschiedenen Firmen war jedoch der Hunger nach Bildung nicht mehr zu stillen. Über eine Begabtensonderprüfung an der Pädagogischen Hochschule (PH) erreichte sie die Zulassung zum Lehramtsstudium. Dort traf sie auch ihren zukünftigen Mann wieder, denn die beiden kannten sich schon lange vorher. Die Heirat 1965 erlebte ihr Vater, der es sich immer sehnlichst gewünscht hatte, dass seine wählerische Tochter unter die Haube kam, nicht mehr. Er starb, bevor Hiltrud Böcker-Lönnendonker ihre Prüfung an der PH ablegte und in den folgenden Jahren Karriere machte. „Eine seiner letzten Fragen war, ob ich denn dann auch den Beamtenstatus bekäme. Es war ihm immer wichtig, dass ich gut versorgt war. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Dass er in vielen Abschnitten meines Lebens nicht in Erscheinung getreten ist, war für die Zeit einfach normal.“




Johanna Wernmo
Fortschrittliche Rollenteilung
Eine ihrer frühesten Erinnerungen an ihren Vater ist, wie er sie nachts auf den Arm nahm, wenn sie nicht schlafen konnte und sie gemeinsam aus dem Fenster schauten. „Ich habe mich sehr sicher gefühlt“, erinnert sich Johanna Wernmo. Für dieses Gefühl der Geborgenheit und Stabilität, das ihr beide Eltern stets vermittelt haben, ist die junge Tänzerin sehr dankbar. Nicht zuletzt hat ihr diese uneingeschränkte Unterstützung genug Selbstvertrauen gegeben, um schon als 15-Jährige allein nach Stockholm zu gehen und an der Royal Swedish Ballet School zu studieren. Nach weiteren Stationen in Österreich und Frankreich lebt die gebürtige Schwedin auch heute fern der Heimat, denn seit der Spielzeit 2015/16 gehört sie zum Tanz-Ensemble des Theater Bielefeld. Trotz der Entfernung ist das Verhältnis zu den Eltern eng geblieben. „Sie haben mich schon fünf Mal in Bielefeld besucht und sich natürlich auch Tanz-Performances angeschaut“, freut sich Johanna Wernmo.

Eltern als Einheit
Nur über ein Elternteil zu reden, findet die 22-Jährige merkwürdig. „Obwohl sie sehr unterschiedlich sind, habe ich meine Eltern immer als Einheit betrachtet“, lacht die Tänzerin. Wohl auch deshalb, weil sich beide die Erziehungsarbeit geteilt haben, beide für sie und ihre ältere Schwester da waren. In Schweden übrigens ein gängiges Modell. „Die Rollen waren bei uns schon immer relativ gerecht verteilt“, unterstreicht Johanna Wernmo. Sie hat den Eindruck, dass Schweden fortschrittlicher ist; die Geschlechterrollen hierzulande vielleicht noch etwas traditioneller sind als in ihrer Heimat. „Ich glaube, hier finden es manche Menschen noch normaler, wenn Frauen zuhause bleiben und mehr Familienarbeit leisten.“ Allerdings hat auch ihre Mutter häufig mehr Zeit mit den Kindern verbracht, weil ihr Vater beruflich viel auf Reisen war. „Aber ich hatte nie das Gefühl einen abwesenden Vater zu haben“, unterstreicht die Künstlerin.

Verfolge deinen Traum
Im Gegenteil: Während sie bei ihrer Mutter eher an intensive Gespräche denkt, ist es ihr Vater, der sie mit dem Bewegungsdrang „infiziert“ hat. „Er ist zwar Geschäftsmann, aber als er jünger war, hat er auch getanzt und Kampfkunst gemacht. Überhaupt ist mein Vater sehr sportlich, hat sich sehr viel bewegt und das habe ich als Kind mit ihm ausgelebt.“ Gerne erinnert sich Johanna Wernmo etwa daran, wie er ihr das Ski- oder Fahrradfahren beigebracht hat. Noch dankbarer aber ist sie dafür, dass er stets an sie geglaubt hat. „Sein oberstes Ziel war, dass ich glücklich werde“, weiß die Schwedin. „Mein Vater hat immer gesagt: ‚Du hast nur ein Leben, verfolge Deine Ziele und Träume.‘“ Und wenn ihr Traum vom Tanzen nicht funktioniert hätte, wäre ihr der Rückhalt der Familie ebenso sicher gewesen. „Je älter ich werde“, resümiert die Wahl-Bielefelderin, „umso mehr verstehe ich, was für ein Glück ich mit meinen Eltern habe.“




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