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22. NOVEMBER 2017
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Mord & Totschlag

Bielefelder Spurensuche


Krimi- und Gefängnis-Serien – sie zählen zu den beliebtesten Genres in Film- und Buchform. Die schillernde Fiktion fasziniert. Wie aber sieht die Realität aus? Wir haben mit einem Bielefelder Mordermittler, einem Richter und einem Gefängnisseelsorger gesprochen. Was sie eint: Sie haben mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun.

Mordermittlung ist Teamarbeit
Markus Mertens



„Nach einem 18-stündigen Arbeitstag geht man nicht in eine Kneipe zum Bier trinken“, sagt Mordermittler Markus Mertens mit Blick auf die Fernseh-Krimis. „Da ist man froh, wenn man drei Stunden Schlaf bekommt.“ Bei einer großen Mordsache ist das Team häufig in den ersten Tagen 16 bis 18 Stunden im Einsatz. Alltägliche Dinge wie Essen, Trinken, Schlafen werden hintangestellt. „Das normalisiert sich dann wieder“, erzählt der Bielefelder Kriminalhauptkommissar. Und natürlich ist der Fall nicht nach 90 Minuten aufgeklärt. „Wenn es gut läuft, sind es zwei Tage und wenn es schlecht läuft, ermitteln wir auch mal ein Jahr oder länger. Es sind besonders die nicht aufgeklärten Fälle, die wehtun.“ Die sind allerdings deutlich in der Minderheit. Mehr als 90 Prozent der Tötungsdelikte werden aufgeklärt. Meist ist der Täter im sozialen Umfeld des Opfers zu finden. Im ersten Halbjahr 2017 wurden bereits 40 Mordkommissionen gebildet, denn die Bielefelder sind bei Tötungsdelikten auch für die umliegenden sechs Kreise zuständig. Anders als beispielsweise in Köln gibt es in Bielefeld keine ständige Mordkommission.

Adrenalin hilft
Bevor eine MK einberufen wird, prüft der Direktionsleiter, ob tatsächlich der Verdacht eines Tötungsdeliktes gegeben ist. „Manchmal ist das ganz einfach, wenn das buchstäbliche Messer im Rücken steckt, aber es gibt Grenzbereiche, die in den Bereich gefährliche Körperverletzung gehen“, so der Ermittlungsleiter, der sich immer am Tatort mit seinen Kollegen selbst ein Bild macht. Auch bei der Obduktion ist er dabei, die im Durchschnitt zwei Stunden dauert. „Eins habe ich im Laufe meiner Tätigkeit gelernt: Man kann nie sagen, dass man schon alles gesehen hat.“ Eine MK setzt sich aus mindestens sieben Beamten zusammen: ein Leiter, zwei Ermittler, ein Tatortbeamter, zwei Spurensicherer und ein Fotograf. Ist der Fall komplex, können weitere Kräfte angefordert werden. Sie kommen aus unterschiedlichen Kommissariaten. „ Die Kollegen sind alle hochmotiviert und es entsteht ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Adrenalin hilft dabei, die ersten stressigen Tage konzentriert durchzustehen.“

Im Rahmen der Gesetze
Bei einem Tötungsdelikt wird früh die Staatsanwaltschaft mit einbezogen. Sie hat Sachleitungsbefugnis und beantragt Beschlüsse zur Durchsuchung, zur Observation oder Haftbefehle. „Wir sind an Recht und Gesetz gebunden“, betont Markus Mertens. „Wir können nicht einfach jemanden ohne zeitliche Limitierung beobachten.“ Ist Leib und Leben in Gefahr, darf jedoch sehr wohl auch mal eine Tür eingetreten werden. „Das habe ich mal als junger Beamter gemacht, das kann sehr schmerzhaft sein“, erinnert er sich schmunzelnd. Bei einer Mordermittlung zählt vor allem Strategie, Taktik und Hartnäckigkeit. „Wir müssen bei Befragungen am Ball bleiben. Bei Tötungsdelikten ist die Öffentlichkeit meist kooperativ. Bei der Vernehmung eines Tatverdächtigen überlege ich, welcher Kollege dafür am besten geeignet sein könnte.“ Liegt aktuell kein Mordfall vor, bearbeitet Markus Mertens die Sachrate Branddelikte. Und es gibt Fälle, die man nicht vergisst. „Deshalb ist es wichtig, abschalten zu können und eine gut ausgefüllte Freizeit zu haben.“

Im Namen des Volkes …
Wolfgang Korte




Ein Mordfall wird verhandelt. Der Richter lässt den Saal räumen, ermahnt streitlustige Anwälte, wohnt in einer Villa und ist häufiger auf dem Golfplatz als im Gericht. Stoff fürs Fernsehen, in deutschen Gerichtssälen sieht die Realität anders aus. Allein die Vorbereitung eines Verfahrens wäre nicht fernsehtauglich. Wolfgang Korte, Vorsitzender Richter der 1. Strafkammer am Landgericht Bielefeld, bei der Lektüre von 1.000 Seiten starken Akten zu filmen, wäre wahrscheinlich nicht so spannend. Der Mordprozess – Juristen sprechen von einem Schwurgerichtsverfahren – hingegen schon. Hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, beginnt für Wolfgang Korte die Organisation. „Der Angeklagte darf bis zu drei Verteidiger haben, Zeugen und Gutachter zu unterschiedlichsten Bereichen müssen terminlich unter einen Hut gebracht werden. Da bei einem Mord in der Regel ein Ausnahmezustand vorliegt, wird meist ein Psychiater hinzugezogen. Dieser muss – wie der Anwalt – von Anfang bis Ende des Verfahrens dabei sein.“

Dem Recht verpflichtet
Anders als im Fernsehen gibt es auch keine zwangsläufigen Konflikte mit den Anwälten. „Ich empfinde die Arbeit der Verteidiger als hilfreich, denn auch sie sind ein Organ der Rechtspflege. Sie bereiten ihre Mandanten auf das Urteil vor“, so der sympathische Richter. Bei etwa 30 Schwurgerichtsverfahren war er beteiligt. Ein Freispruch ist eher die Ausnahme, denn zuvor gibt es so viele Prüfstationen. Übrigens ist der Staatsanwalt verpflichtet, nicht nur zu Lasten des Angeklagten zu ermitteln. Einen regelrechten Tumult hat Wolfgang Korte in 38 Jahren nicht erlebt. Dabei hat er viel Empathie für alle an der Verhandlung Beteiligten. „Das ist eine mit vielen Emotionen behaftete Ausnahmesituation. Was respektlos wirkt, ist meist Unsicherheit.“ Oder ganz anders. „Bei der Eröffnung einer Verhandlung erhob sich ein Angeklagter nicht“, erinnert sich der gebürtige Bielefelder. „ Ich fragte nach: Der Mann trug keine Hose.“





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