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21. NOVEMBER 2018
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Aufbruch in Bielefeld

Linksruck


Studentenproteste und Kampf gegen die Atomkraft, Friedens- und Frauenbewegung. Berlin, Bremen, Bielefeld – das waren die „drei großen B“. Denn auch die vermeintliche Provinzstadt entwickelte sich mit der Gründung der Universität 1969 zum gesellschaftlichen Experimentierfeld. Die Ausstellung „Linksruck“ im Historischen Museum beleuchtet ab dem 25. Oktober politische und kulturelle Aufbrüche im revolutionären Bielefeld. Zwei Zeitzeugen und der Ausstellungsmacher erzählen.

Fabian Schröder
Die Welt verändern



Aufbruchsstimmung. Die Überzeugung, dass das eigene Handeln zählt. Der Glaube daran, selbst etwas bewegen, ja vielleicht sogar die Welt verändern zu können. Das ist für Museumswissenschaftler Fabian Schröder prägend für die Generation der 68er. Dieses Gefühl des Auf- und Umbruchs ist der Leitfaden, den der Kurator für seine Ausstellung gewählt hat. Dabei interessiert ihn besonders, wie sich die überregionalen gesellschaftlichen Umwälzungen in Bielefeld niedergeschlagen haben. „Spannend fand ich etwa, dass sich nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Menschen auf dem Alten Markt in Bielefeld versammelt haben“, so der Ausstellungsmacher. Geschaut hat er auch, wo die Stadt eher „Mitläufer“ war oder wo sie Vorreiter-Funktion hatte. So war die hier gegründete „Bunte Liste“ einer der Wegbereiter der „Grünen“, und die revolutionäre Bielefelder Schwulenbewegung war sogar Berlin einige Schritte voraus. „Die Medien konzentrieren sich bei der Berichterstattung über diese Zeit oft auf die Studentenproteste in Berlin oder die Hausbesetzerszene in Frankfurt“, resümiert Fabian Schröder. „Ich möchte herausstellen, wie wichtig Bielefeld damals war.“

Zeitzeugen erzählen

Selbst erlebt hat der 29-Jährige den „Linksruck“ selbstverständlich nicht. Und in seiner Schulzeit kam die Zeitspanne zwischen Nationalsozialismus und Mauerfall ebenfalls nicht vor. Aber schon während des Studiums hat er sich damit auseinandergesetzt. „Ich denke, diese Zeit hat uns sehr geprägt, unsere Elterngeneration wurde da sozialisiert“, erklärt der Kurator sein Interesse. Als er die Gelegenheit bekam, als Abschlussarbeit seines Volontariats am Historischen Museum eine Ausstellung zu entwickeln, stand das Sujet für ihn schnell fest. „Mir gefällt es, ein geschichtliches Thema zu haben, zu dem es noch Zeitzeugen gibt“, betont Fabian Schröder. Genau die spielen in der Schau eine wichtige Rolle – als Leihgeber und als Gesprächspartner, die ihre Erinnerungen bereitwillig mit ihm geteilt haben. „Viele haben Bielefeld in der linken Szene als wichtige Stadt erlebt und fanden es schön, dass in den Fokus zu rücken.“

Objekte aus der Szene

Das „Intro“ der Ausstellung geht zunächst einen Schritt zurück. Stellt die Spießigkeit der 50er Jahre dar, gegen die sich die linke Bewegung auflehnte. Eingebettet in die bundesweiten Geschehnisse dokumentiert sie dann Schwerpunktthemen wie die Proteste gegen den Vietnamkrieg oder das erneute Erstarken der Friedensbewegung in den früher 1980er Jahren. Auch die sogenannten K-Gruppen – die Anhänger der Deutschen Kommunistischen Partei – sind ein Thema. Beeindruckt hat Fabian Schröder, welche Konsequenzen ein Mitwirken in diesen Gruppen haben konnte – von Kündigungen in Betrieben bis zum Berufsverbot für Lehrer. Aber auch die Emanzipationsbewegung, die Kinderladeninitiativen sowie die Kulturszene spielen eine Rolle. „Ich verzweifle manchmal an der Komplexität der Geschehnisse“, lacht der Kurator, „und habe in der Planungsphase schon wieder Themen rausgenommen, die ich auch sehr wichtig fand.“

Lebendig werden die gesellschaftlichen Umwälzungen dieser bewegten Jahrzehnte unter anderem durch Fotos, Aufkleber, Plakate, Bücher, Demonstrationsbanner und an Hörstationen, die nach Texten der zahlreichen Zeitzeugen produziert wurden. „Außerdem habe ich mehr Filme aus der Zeit entdeckt, als ich gedacht hätte“, so Fabian Schröder. „Viele der gezeigten Objekte stammen aus der linken Szene, aber über die Hausbesetzer habe ich einen Film aus der Gegenperspektive gefunden: ‚Die Bielefelder Terrorfestung‘.“ Eines seiner Lieblingsobjekte aber ist ein großes Bild, das von Rosa Luxemburg bis zu Karl Marx die Ikonen der Linken versammelt. „Mir als Ausstellungsmacher gefällt, dass hier die Personen abgebildet sind, die die Zeit überregional geprägt haben. Aber gemalt wurde das Bild von einer Bielefelder Künstlergruppe, der Initiativgruppe Kunst und Politik.“

Irene Below
2. Juni – ein neuralgisches Datum



1967 steckte Irene Below, die nur wenige Jahre später in der Aufbaukommission für das Oberstufenkolleg und die Laborschule mitarbeiten sollte, mitten in ihrer Promotion. „Das war eine absurde Situation, hätte ich die Diss. nicht geschafft, hätte ich ganz ohne Abschluss dagestanden, denn einen Magister gab es im Fach Kunstgeschichte seinerzeit nicht.“ Erhebliche Zukunftsängste plagten die junge Frau, als sie von einem Forschungsaufenthalt in Italien mitten in das brodelnde Berlin kam. „Der 2. Juni 1967 hat mich politisiert. Ich ging mit zwei Freundinnen vor das Schöneberger Rathaus, um gegen den Schahbesuch zu protestieren. Wir waren recht weit vorn, als die sogenannten ,Jubelperser', das waren persische Agenten des Geheimdienstes Savak, auf die Demonstranten einschlugen. Ich wollte nur noch weg, wir waren aber zudem von der berittenen Polizei eingekesselt. Das hat mir große Angst gemacht.“ Als Benno Ohnesorg am Abend des 2. Juni erschossen wurde, war Irene Below nicht dabei. „Ich hatte mich sozusagen zur Abkühlung in die Kunstbibliothek zurückgezogen und erfuhr erst am nächsten Mittag von den Ereignissen vor der Oper. Vor der Freien Universität kamen etwa 6.000 geschockte und verunsicherte Studenten trotz des Versammlungsverbots zusammen, weil sich der Rektor weigerte, uns Studenten den Henry-Ford-Bau zur Verfügung zu stellen.“

Der Weg nach Bielefeld

Das Verhalten von Polizei, Universitätsleitung und Politik führte zu einer Politisierung auch bislang unbeteiligter Studenten, die als Gammler und Schlimmeres tituliert wurden. Wie viele andere begleitete Irene Below Ohnesorgs Leichnam über die Transitstrecke nach Hannover. Bei einer Veranstaltung trat Hartmut von Hentig auf, einer der bekanntesten Vertreter der Reformpädagogik „So kam für mich die Pädagogik ins Spiel und ich bewarb mich in Bielefeld“, erinnert sich die engagierte Frau. „Wir wollten die Welt mit Hilfe der Erziehung verändern. Die Universitäten müssten von außen verändert werden. Das Konzept war es, nach einem sozialen Aufnahmeschlüssel Kollegiaten gemäß der gesellschaftlichen Zusammensetzung von NRW aufzunehmen: Unter-, Mittel- und Oberschicht, Männer und Frauen. Wir glaubten, dass durch die kreativen jungen Menschen die Wissenschaft verändert würde und in einem nächsten Schritt die Gesellschaft.“

Aktiv in der Provinz

Von 1974 bis 2004 war Irene Below Dozentin für das Fach Künste und ab 1986 auch für Frauenstudien. Immer engagierte sie sich für eine bessere Welt, sei es in der Friedens- oder in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Umbenennung der Kunsthalle 1998 ging maßgeblich auf ihre Initiative zurück. „Ich fand es empörend, dass auf dem Ausstellungsplakat für die südafrikanische Künstlerin Irma Stern, die Tochter jüdischer Auswanderer, plötzlich der Name Kaselowsky stand“, so die promovierte Kunsthistorikerin. „Der damalige Leiter Thomas Kellein, der eine Annäherung an das Haus Oetker suchte und den Namen Kaselowsky wieder hervorhob, hat sich sogar an das Schulamt gewendet, da er sich von dort Unterstützung gegen diese ,wild gewordene Lehrerin' versprach. Aber das Amt war nicht zuständig.“ Die Frage „Wie wollen wir leben?“ beschäftigte sie damals und heute. Sie ist beispielsweise Mitinitiatorin von „Wir für uns – anders altern“ und arbeitet aktuell an einem Buchprojekt. Als Aktivistin in vorderster Front hat sie sich nie gesehen. „Es war ein Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe, wie mein Rückzug am 2. Juni 1967 in die Bibliothek zeigt. Ich wollte die Ereignisse dokumentieren.“ Das letzte Mal hat Irene Below übrigens am 14. März 2015 demonstriert: für Griechenland vor dem Finanzministerium in Berlin.

Detlef Stoffel
Erste Bielefelder Schwulengruppe



Es war ein Ruck, der über Bielefeld hinaus Emotionen zwischen Entsetzen, Erstaunen und Abscheu hervorrief. „Für uns selbst war die Gründung der Schwulengruppe dagegen ein Ruck, Öffentlichkeit zu wagen“, stellt Detlef Stoffel rückblickend fest. 1972, kurz nachdem er erste Kontakte zur Schwulenbewegung in Deutschland geknüpft hatte, gründete der damals 22-Jährige die Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld. Neuland betrat er fünf Jahre später außerdem mit der Gründung des ersten Bielefelder Naturkostladens Löwenzahn. Im Kollektiv betrieben, entsprach dieser dem Anspruch gesellschaftsverändernde Lebensweisen umzusetzen, sich eigene Orte zum Arbeiten und Leben zu schaffen. „In den 1970er Jahren sind an allen Ecken die vielfältigsten Bewegungen wie das AJZ, der Frauenladen, die Bunte Liste, aber auch Bielefelds vielfältige Theaterlandschaft entstanden. Damit hat damals keiner gerechnet, denn die gesellschaftlichen Aktivitäten – politisch wie kulturell – waren nicht koordiniert“, erklärt Detlef Stoffel. Politik, Aufbrüche und Umbrüche entwickelten sich über persönliche Anliegen und Motivation.

Wahrnehmung beseitigt Vorurteile

„Mach dein Schwulsein öffentlich“ war ein Motto mit dem die Schwulengruppe in die Offensive ging. Aufklären wollte. Der Gedanke dahinter: Wahrnehmung beseitigt Vorurteile. „NRW-Programme wie SchLAu (Schwul Lesbisch Bi Trans), die heute vernetzt arbeiten, waren damals noch undenkbar“, betont Detlef Stoffel, der an der Uni Bielefeld Soziologie und Film studierte. Er sieht die Bielefelder Uni, die 1969 eröffnet wurde, als Impulsgeber für viele gesellschaftliche und kulturelle Umwälzungen. „Dadurch kam frischer Wind in die Stadt. Bielefeld gehörte zu den „drei großen B’s“, wurde mit Berlin und Bremen in einem Atemzug genannt. Es war für Bielefeld eine beispielhafte Kernzeit. Das wissen viele Bielefelder nicht zu würdigen“, so der heute 65-Jährige.

Provozierende Aktionen

Mit der Schwulengruppe setzte Detlef Stoffel aktiv Zeichen für ein befreites Leben als Schwule. Auch mit provozierenden Aktionen. So übersetzte er für eine Schülerzeitung aus einem US Gay Liberation Book einen Comic, in dem Schwule und Lesben die gesellschaftliche Mehrheit darstellen. „Das war wohl eindeutig zu viel. Es gab einen Aufschrei“, erinnert er sich. Vom Verbot, die Zeitung weiter zu verteilen, bis hin zu einem Leserbrief eines entgeisterten Pädagogikprofessors reichte die Reaktionen. Das Positive daran: Es wurde eine große mediale Öffentlichkeit hergestellt. Auch der erste Auftritt einer Schwulengruppe im Kamp war ein Skandal. Jugendgefährdend, so das Urteil. „Damals waren wir sehr wahrnehmbar und nicht verträglich“, so Detlef Stoffel, der 1975 die erste Schwulen-WG in der Gerichtstraße mitgründete. „Es war WG und Schwulenzentrum in einem“, erzählt er. Gedreht wurde hier für den WDR auch die Doku „Schauplatz Gerichtstraße“, die zunächst verboten, aber nach Protesten doch noch ausgestrahlt wurde. Mit dem Dokumentarfilm „Rosa Winkel – Das ist doch schon lange vorbei“, der sich mit Homosexualität in der Zeit des Nationalsozialismus befasst, thematisierte Stoffel, der mit Regie führte, das Thema Schwulsein auch im Rahmen seines Studiums. Als Diplomarbeit wurde der Film nicht anerkannt.

„Veränderungen brauchen lange und enden nicht mit der Möglichkeit einer Verpartnerung“, stellt Detlef Stoffel fest. Juristische Möglichkeiten ändern für ihn nicht die Hetero-Normativität. „Es müsste auch heute noch rucken“, ist er überzeugt und sagt: „Wenn man am Rand der Gesellschaft ist, kann es ein guter Standort sein für das, was man vertritt.“




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