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14. DEZEMBER 2017
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Nicht nur zur Weihnachtszeit

Stille Nacht


Einfach mal zur Ruhe kommen. Nicht nur Weihnachten suchen Menschen die Stille. Wir haben BielefelderInnen getroffen, für die Stille ein Thema ist. Der eine ruft zum bewussten Innehalten auf, die andere lebt in Stille und die Dritte sucht sie.



Armin Piepenbrink-Rademacher
Stille, Ruhe & Frieden

Heiligabend– die Altstädter Nicolaikirche ist bei allen vier Gottesdiensten mit insgesamt 2.400 Menschen voll besetzt. Für Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher beginnen die Vorbereitungen allerdings schon viel früher. „In diesem Jahr gibt es im ersten Gottesdienst ein großes Puppenspiel zusammen mit Nike Schmitka. Die aufwendigen Vorbereitungen begannen bereits im September“, erzählt der engagierte Gemeindepfarrer, der immer mutig neue Wege geht, um die Menschen zu erreichen. Zwar ist an Weihnachten der thematische Bezug immer derselbe, aber die Umwelt ändert sich ständig. „Als Kirche mitten in der Stadt müssen wir uns etwas einfallen lassen, um sie einzuladen, hier Ruhe zu finden, Impulse zu setzen und Inspiration zu geben. Früher waren Gottesdienste zum Beispiel ein ganz selbstverständlicher Treffpunkt. Nun reicht es nicht mehr, einfach die Glocken zu läuten.“

Mut machen, Hoffnung geben

Bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Predigt macht sich Armin Piepenbrink-Rademacher intensiv Gedanken darüber, welche Themen die Menschen momentan beschäftigen. Im vergangenen Jahr war das in Anbetracht des islamistischen Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt besonders schwierig. Ihm geht es darum, den Menschen ein Stück Stille in dieser hektischen Zeit zu verschaffen, dem „lieben Gott“ Raum zu geben und auch darum, Denkanstöße zu liefern. Beispielsweise mehr Mut zur Zivilcourage zu haben. „Wenn political incorrectness immer mehr zunimmt, müssen Christen ein besonderes Augenmerk darauf lenken, wie über Menschen geredet wird“, sagt der 62-Jährige, der weiß, wie groß das Bedürfnis nach Geborgenheit, Mut, Hoffnung, Licht und einer intakten Welt ist. Und das nicht nur zu Weihnachten. Deshalb finden in der Altstädter Nicolaikirche täglich ein Werktagsgottesdienst „12 Minuten mit Gott“ oder regelmäßig meditative Andachten statt. „Innehalten, Gott suchen und einfach mal aus dem Hamsterrad des Alltags rauskommen“, skizziert Armin Piepenbrink-Rademacher die Intention der Angebote.

Innerer Frieden

Stille ist zwar nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit innerem Frieden, aber der ist ganz besonders erstrebenswert. Frieden mit sich und mit Gott. Für den Pfarrer gibt es am 24.12. rein äußerlich wenig Stille. Er hält an Heiligabend drei Gottesdienste und so bereitet seine Frau zusammen mit den Kindern das Essen vor. Der Weihnachtsbaum ist geschmückt und die Familie kommt nach dem zweiten Gottesdienst zusammen. Vor der Christmette zieht er sich für etwa fünf Minuten in totale Stille zurück und sucht das Gespräch mit Gott. „Ich mache mir noch einmal ganz bewusst, was ich den Menschen sagen möchte. Dass der tiefste Kern der Botschaft Liebe ist. Und dass Weihnachten mehr als nur ein Tag im Jahr ist. Wir bewegen uns von Weihnachten zu Weihnachten.“ Ist der letzte Dienst am Heiligen Abend getan, geht’s zurück zum Feiern, denn dann hat seine Tochter Geburtstag.
www.altstadt-nicolai.de



Yasmin El-Hamasi
Eine Welt ohne Ton

„Meine Welt ist nicht still, meine Augen sind meine Ohren“, sagt Yasmin El-Hamasi. Die 36-Jährige mit marokkanischen Wurzeln ist von Geburt an gehörlos. „Meine Welt ist einfach so“, stellt sie mit schneller Gestik und einem Lächeln im Gesicht fest. „Außer dem Hören fehlt mir ja nichts.“ Umso intensiver nimmt sie ihre (Um)welt mit den Augen wahr. Das visuelle Hören hat Yasmin El-Hamasi schon als Kind perfektioniert.

Der Bass durchdringt die Stille

„Wenn meine beiden Kinder ‚laut sind‘ sehe ich das“, erklärt die zweifache Mutter. Ihre 6-jährige Tochter ist – wie sie auch – gehörlos, ihr 8-Jähriger Sohn nicht. Und wie jede Mutter, schreitet sie ein, wenn’s zu viel wird. „Außerdem bin ich ja nicht sprachlos“, erklärt sie. Die Gebärdensprache ist für die Familie, ihr Mann ist schwerhörig, die Muttersprache. Ihre beiden Kinder sind ganz selbstverständlich damit groß geworden. „Für unseren Sohn sind wir natürlich eine stille Familie, da er der einzig Hörende von uns ist“, ist sich Yasmin El-Hamasi der besonderen Situation ihres Sohnes bewusst. Der dreht dann auch schon mal Fernseher oder Musik voll auf. Dann durchdringt der Bass spürbar die Stille von Yasmin El-Hamasi. „Als ich ihm seine erste CD kaufen wollte, habe ich die Erzieherin gefragt, was er gern hört.“ In ihre beiden Kinder kann sie sich gut hineinversetzen. „Für meine Kinder ist es – so wie damals für mich – einfach Alltag“, betont die gehörlose Bielefelderin, deren Alltag sich durch die digitalen Medien vereinfacht hat. Ihr Sohn genießt den Vorteil quasi zweisprachig aufzuwachen, ihre Tochter profitiert von den Erfahrungen ihrer Mutter. In der Öffentlichkeit zu gebärden, ist für sie ebenso normal wie der Besuch einer inklusiven Schule. „Das ist für mich ein wesentlicher Schritt hin zu mehr Integration und der Schlüssel für Teilhabe und Zugang zu Bildung“, unterstreicht Yasmin El-Hamasi, die als Bürokraft bei sichtbar arbeitet und Hausgebärdensprachkurse für hörgeschädigte Kinder und Eltern gibt.

Gesprächige Gebärden

Auf die Idee, dass seine Enkelin eventuell nichts hören könnte, kam übrigens ihr Opa während eines Urlaubs in Marokko. Wieder zurück in Deutschland bestätigte ein Arzt diese Vermutung. „Für meine Eltern war das anfangs ganz schlimm“, weiß die 36-Jährige, die sich an mühsame Versuche mit Hörgeräten und Lautsprache erinnert. „Mit Hörgeräten habe ich zwar Geräusche wahrgenommen, konnte diese aber weder zuordnen noch richtungsweisend hören. Es war einfach nur unangenehm.“ Im Alltag ist das Leben ohne Ton für Yasmin El-Hamasi weitestgehend barrierefrei. Auch dank technischer Entwicklungen. Wenn Arztbesuche oder Behördengänge anstehen, ist sie auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen.“ Dennoch vermisst es Yasmin El-Hamasi nicht, zu hören und laut zu sprechen. Ist glücklich Familie und Kinder zu haben. Darauf hätte sie nicht verzichten wollen. Aufgewachsen ist sie als eines von vier Geschwistern, darunter eine ebenfalls gehörlose sieben Jahre jüngere Schwester. Bei Familientreffen geht es – wie anderswo auch – sehr gesprächig zu. Es wird gebärdet und gesprochen. Und wenn sie einmal die Option hätte, etwas zu hören? Ihre Antwort kommt schnell: „Ich würde gern hören, wie meine Kinder „Mama“ zu mir sagen.“
www.sichtbar-bielefeld.de



Renate Dyck
Das Schweigen im Walde

Vogelzwitschern statt Dampfplaudern, Blätterrauschen statt Motorenlärm. Stille empfindet Renate Dyck als großen Luxus. Allerdings ist der in Bielefeld gar nicht so leicht zu haben. Wer dem Dauergetöse entfliehen will, muss raus in die Natur, rauf auf die Höhenzüge des Teutoburger Waldes oder ab ins Umland. „In Kirchdornberg gibt es noch einige Stellen, die sehr still sind“, verrät die 62-Jährige. Und, so ihre Erfahrung: In der stillen Nacht ist es vielerorts tatsächlich stiller als sonst. Sie selbst hat diese besondere Atmosphäre, die kein von Menschen gemachtes Geräusch stört, seit frühester Kindheit geliebt und gesucht. „Ich genieße Stille sehr. Sie tut mir gut, erdet mich und ich kriege den Kopf frei. Diesen Flow-Effekt bekomme ich am besten durch Stille. Auch Belastendes kann ich leichter vergessen, wenn ich alleine schweigend in der Natur unterwegs bin.“

Streifzüge durch die Natur

Dennoch nimmt sie bei ihren Streifzügen auch immer wieder andere Menschen mit. Seit 2005 bietet Renate Dyck unter dem Motto „Wege erleben“ nämlich geführte Wanderungen an – mal literarisch inspiriert, mal als Eulen- oder Nachtwanderung bei Vollmond. „Ich habe lange mit Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranken gearbeitet“, erzählt die studierte Sozialarbeiterin, die später noch ein Zusatzstudium im Bereich Freizeit/Tourismus-Management abgeschlossen hat. „Ursprünglich wollte ich das verknüpfen, denn Wandern in der Natur kann manchmal so wirkungsvoll sein wie eine Medikamentengabe.“ Der Fokus entwickelte sich anders. Heute ist Renate Dyck auf vielfältigen Wegen zwischen Natur und Kultur unterwegs. Doch auch dabei ist sie eine Verfechterin der Stille. „Schweigen fällt vielen Menschen schwer“, so ihre Erfahrung. „Sie ertragen Stille offenbar nicht. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist sich fokussieren zu können. Das halte ich für einen großen Verlust.“

Die Sinne schärfen

Da reine Schweigewanderungen nur selten funktionieren, baut die Naturfreundin oft Elemente wie Gedichte ein und verführt die Menschen mit kleinen Aufgaben zur Stille. Der ständigen Reizüberflutung stellt sie das Angebot gegenüber, die Wahrnehmung zu schärfen. „Ich kriege viel mehr mit, wenn ich schweige und dabei intensiv den Gerüchen und Geräuschen der Natur nachspüre. Bei Nachtwanderungen stelle ich deshalb manchmal einen Lichtergang auf, den alle schweigend durchschreiten.“ Eine Konzertwanderung ist Renate Dyck in ganz besonderer Erinnerung geblieben. „Die Gruppe ging auf dem letzten Teil der Strecke schweigend den Lichtern und den Klängen des Cellos in der Klosterruine auf dem Jostberg entgegen. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.“


Nächste Termine:

„Moonlightserenade“ - Nachtwanderung zur Zeit des Vollmondes: 2.12., 19 Uhr, Treffpunkt Parkplatz Olderdissen

Literarische Rundwanderung an Silvester: 31.12., 22.30 Uhr, Treffpunkt Parkplatz Olderdissen

„Das Jahr ist noch klein ...“ – Schweigewanderung durch die Zeit: 1.1., 16 Uhr, Treffpunkt Parkplatz an der „Schönen Aussicht“

Nähere Infos und Anmeldungen unter www.wege-erleben.de, Tel. 0521/5229908




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