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21. JUNI 2018
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Christopher Street Day

Bielefeld ist bunt


Es hat sich viel getan. Im letzten Jahr wurde die „Ehe für alle“ beschlossen und die Stadt Bielefeld hat mit dem 75 Punkte umfassenden Aktionsplan zur Gleichstellung positive Zeichen gesetzt. Aber es bleibt immer noch viel zu tun. Zum Christopher Street Day am 16. Juni stellen wir drei BielefelderInnen vor, die sagen warum.

Ingo Nürnberger
Toleranz ist kein Selbstläufer



Am 29. Januar 2018 hat Ingo Nürnberger seinen Mann geheiratet – eigentlich zum zweiten Mal. „Ich nenne das immer ein Upgrade zu unserer 2012 eingetragenen Lebenspartnerschaft“, erzählt der Sozialdezernent der Stadt Bielefeld. „Es hat mehr als nur symbolischen Wert, denn die Ehe für alle ist eine echte Gleichstellung.“ Zwar wurde bereits in puncto Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben viel erreicht, aber „Liberalität und Toleranz sind keine Selbstläufer“, betont er. „Deshalb ist der CSD nach wie vor wichtig. Das ist zwar eine Riesenparty, aber eben auch eine politische Demonstration, um Vielfalt zu zeigen. Dass es okay ist,anders' zu sein.“ Seit 1994 ist der Politikwissenschaftler bei fast jedem CSD dabei. Das eigene Coming-out hat er als „maximal angstbesetzt“ erlebt. Ingo Nürnberger wuchs in einem Dorf im katholischen Niederbayern auf. „Gefühlt gab es bei uns keine Schwulen – und Lesben schon mal gar nicht. Die wenigen Schwulen wurden als unglückliche Außenseiter wahrgenommen.“


 


Schwieriges Coming-out

„Die Zeit, bevor ich den Schritt gegangen bin, war sehr schwierig. Mich plagten Selbstzweifel und es fehlten positive Vorbilder.“ Noch 1987 hatte der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen („Lindenstraße“) für Aufruhr, besonders in Bayern, gesorgt, der in Morddrohungen gegen die Schauspieler gipfelte. Weihnachten 1993 fasste sich der seinerzeit 21-Jährige ein Herz. „Ich hatte gerade meinen ersten Freund kennen gelernt und war sehr verliebt. Ich packte vor den Augen der Familie sein Geschenk aus. Eine kitschigschöne, selbst bemalte Unterhose mit Uli-Stein-Maus drauf. Das hat aber keiner kommentiert. Deshalb ließ ich bewusst das Buch ,Schwul – na und!' herumliegen. Mein Vater hat mich darauf angesprochen. Meine Eltern brauchten Zeit, damit fertigzuwerden. Zum einen machten sie sich Sorgen und andererseits verstieß ich gegen gesellschaftliche und religiöse Normen. Wir haben lange nicht darüber geredet, dann viel gestritten und es hat gedauert, bis unser Verhältnis besser wurde. Heute ist es richtig gut.“


 


Gleichstellung steht nicht zur Debatte

Für den jungen Mann war sein Coming-out eine Befreiung. Er engagierte sich politisch in der Homosexuellen-Initiative Passau, ging zum Studium nach Berlin und London. Seit 2015 ist er Sozialdezernent in Bielefeld und hat hier keine Diskriminierung erfahren. Zwar ist die Gesellschaft seit den 1990ern offener geworden, aber zugleich ist ein Rechtsruck festzustellen. AfD und andere Rechtskonservative hetzen einerseits selbst gegen Lebensentwürfe, die nicht heterosexuell sind, und instrumentalisieren andererseits die Sorgen von Frauen oder Homosexuellen, dass mit dem Islam ihre Freiheit und Gleichberechtigung den Bach runtergeht. Und tatsächlich gehören für manche Zuwanderer Lesben und Schwule nicht zu ihrem Weltbild. „Es ist eine komplexe Gemengelage. Die Community muss aufpassen, dass sie nicht von rechtsgerichteten Kreisen, die sich gegen Zuwanderung wenden, vereinnahmt wird. Wir als Gesellschaft müssen ganz deutlich machen, dass die Gleichstellung von Mann und Frau, von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans und Inter* ein Teil unserer Kultur ist, der nicht zu Debatte steht.“


 


Johanna Kurth
Late Bloomers



Ihr Leben ist in der Phase der Findung und Orientierung oft ein Drahtseilakt. „Viele Frauen haben bereits ein langes Doppelleben hinter sich bevor sie offen sagen können ‚Ich habe mich in eine Frau verliebt und will meine sexuelle Identität ausleben‘“, weiß Johanna Kurth aus vielen Beratungsgesprächen im Frauenkulturzentrum e.V. (FraZe). Die 51-Jährige mit jahrzehntelanger Berufserfahrung in der feministischen Frauen/Lesben- und Mädchenarbeit unterstützt Late Bloomers in ihrem Coming-Out-Prozess. Die Frauen sind 40 plus, befinden sich in der zweiten Lebensphase und haben lange in traditionellen Beziehungs- und Familienmustern gelebt. „Sie fragen sich natürlich, warum sie sich plötzlich in eine Frau verliebt haben“, so Dipl.-Sozialpädagogin. Sich selbst und das eigene Leben dann nicht in Frage zu stellen und als Lüge zu empfinden, ist für die psychische Stabilität wichtig.


Frau liebt Frau

Wie kann ich es Mann und Kindern sagen, ist für die meisten Frauen die alles entscheidende Frage und Herausforderung. „Das wie und wann hängt natürlich auch davon ab, ob Homosexualität schon in der Vergangenheit ein Thema war“, erklärt Johanna Kurth. Einige Frauen verlieben sich das erste Mal in ihrem Leben in eine Frau. Andere haben schon in der Vergangenheit gemerkt, dass sie lesbisch sind, aber keine Alternative zur heterosexuellen Familien gesehen. Auch, weil sie Kinder wollten. Immer aber ist das Verlieben ein Auslöser, nicht aber die Ursache für eine Trennung. Viele Paare haben sich schon vorher auseinandergelebt. Doch für viele Männer ist es schwieriger die neue sexuelle Identität ihrer Frau zu akzeptieren als einen neuen Mann an der Seite ihrer Frau.


Konflikte in allen Lebensbereichen

Johanna Kurth unterstützt die Frauen, das eigene innere Chaos zu bewältigen. Drängt zu nichts, sondern zeigt Wege auf. Beispielsweise dann, wenn Kinder mit Ablehnung reagieren oder sich die Frage stellt, ob sie zu den neuen Partnerinnen mitziehen. „Es ergeben sich einfach viele Fragen rund um die neue Orientierung und Lebensform“, so Johanna Kurth. Betroffen sind alle Lebensbereiche: Partner, Kinder, der alte Freundeskreis, der häufig aus Frau-Mann-Paaren besteht, aber auch das berufliche Umfeld. Für Frauen mit heterosexueller Vergangenheit, die den Austausch mit Gleichgesinnten suchen, bietet das FraZe deshalb zusätzlich zu den anonymen und kostenlosen Beratungen auch Late Bloomers-Treffen. Der geschützte, diskriminierungsfreie Raum macht vielen Frauen deutlich, dass sie nicht allein sind. Gleichzeitig ist es ein wichtiger Schritt, um herauszufinden, was Frau möchte. Vor allem aber ist jede Frau Spezialistin ihrer eigenen Situation. „Je offener Frauen mit ihrer sexuellen Identität umgehen, desto freier ist ihr Leben“, stellt die Sozialpädagogin immer wieder fest. „Die Auseinandersetzung mit neuen Frauenbildern wird den Frauen oft allerdings erst in Beziehungen mit Frauen deutlich.“ Die „Ehe für alle“ ist aus ihrer Sicht zwar ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz, aber Ausgrenzung und Diskriminierung gibt es immer wieder. „Da fehlt es noch an Empowerment“, resümiert Johanna Kurth, die den CSD als Möglichkeit sieht unterschiedliche Lebensformen sichtbar zu machen.

Late Bloomer:
Treffen im Frauenkulturzentrum e.V. immer dienstags ab 20 Uhr; www.fraze.de
Schwule Väter und Ehemänner: www.schwule-vaeter-bielefeld.de


Dominik und die Drag Queen
Pandora Zee



Dominik hat eine besondere Leidenschaft, er wird zur Drag Queen. Hinter der Transformation stecken viel mehr als Schminke und gewagte Outfits. Mit elf Jahren probiert Dominik die Kleidung seiner Mutter an. Er weiß, er ist schwul. Damals wie heute haben Kleidung und Schminke mit dem Geschlecht und der sexuellen Orientierung für ihn nichts zu tun. Er versteht nicht, warum Männer so viel nicht dürfen und will so aussehen, wie er sich wohl und glücklich fühlt. Mit 18 kommt das Outing. Dominik möchte seine Persönlichkeit nicht mehr in den vier Wänden seines Zimmers verstecken und tritt 2015 auf dem CSD in Bielefeld das erste Mal als Drag Queen auf. Er bekommt ein Gefühl von Freiheit zu spüren.


Eine richtige Diva

„Es kommt raus, was ich verstecke.“ Sich stundenlang zu schminken, das perfekte Outfit zu finden und feiern zu gehen, machen ihm viel Spaß. Vor zwei Jahren entsteht seine Drag-Persona Pandora Zee, nach einer der schönsten Frauen der griechischen Mythologie genannt. Seine Figur und Attitüde passen perfekt zu Dominiks Vorstellung einer selbstbewussten Frau. „Jeder sagt, sobald ich in diesem Charakter bin, werde ich eine richtige Diva“, erzählt er lächelnd. Das Spiel hat jedoch seine Kosten. Make-up, Kleidung, Schuhe sind sehr teuer, aber Dominik kann sich auf die Hilfe seiner Mutter verlassen. Seitdem sie den Sohn zum ersten Mal als Drag Queen gesehen hat, hat sie angefangen ihn zu unterstützen. Genauso auch Dominiks Freund. Er motiviert Pandora und ist nicht eifersüchtig, wenn sie ein bisschen flirty im Club wird. Er weiß, das ist nur ein Teil der Show. Pandora ist mehr als ein Charakter. Sie ist eine Erweiterung von Dominiks eigener Identität, die ohne Pandora nicht auskommen könnte. Hier verwischen sich die Grenzen zwischen Person und Charakter, zwischen Mann und Frau, letztendlich zwischen Dominik und Pandora.


Identität & Freiheit

„Ich wäre gerne wie Pandora im echten Leben.“ Dominik fühlt sich als 21-jähriger Schwuler in seinem Körper wohl. Er richtet sich nach keinem Ideal der Männlichkeit. „Ich muss als Mann nicht nur auf eine Weise leben und rumlaufen. Ich kann mich schminken, High Heels tragen und alles tun, solange ich keinem wehtue. Gesellschaftliche Kategorien sind zu einfach.“ Nicht jeder scheint aber dafür bereit zu sein. „Als ich einmal auf dem CSD die Absätze ausziehen musste, schrie ein Mann, die Tranny könne nicht mehr laufen.“ Ein wenig resigniert sagt Dominik noch: „So etwas hat man selten, man muss einfach drüberstehen.“ Wenn er geschminkt seine rosa Cap in der Bahn trägt, wird er ab und zu doof angeguckt. Trotzdem lässt sie sich von keinem Kommentar runterziehen, denn sie hat jahrelang auf ihre Freiheit gewartet. Dominiks Umwandlung ist eben mehr als ein Hobby, mehr als eine Show. Die Drag Queen hilft ihm, sich vollständig auszuleben. Dominik kann nicht sagen, ob er schon immer eine Pandora brauchte. Die Neugier war schon in seiner Kindheit da und nach den ersten Auftritten ist sie zum Bedürfnis geworden.


CSD Bielefeld Unter dem Motto „Arsch hoch – gegen Homo- und Transphobie“ feiert Bielefeld am 16.6. von 15 bis 22 Uhr den Christopher Street Day (CSD). Der Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen Trans und Inter* (LSBTI*) setzt mit Aktionen und Paraden wieder Zeichen. Demonstriert wird nach dem Hissen der Regenbogenflagge vor dem Alten Rathaus um15 Uhr für die Rechte sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
Ab 17 Uhr beginnt auf dem Siggi dann das Straßenfest und Kulturprogramm.

www.csd-bielefeld.de





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